[Brief] Der steinerne Wächter [Ajax, Seresa]

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Seresa
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[Brief] Der steinerne Wächter [Ajax, Seresa]

Beitrag von Seresa » Fr 14. Jun 2019, 03:18

Vor mehr als einem Jahr hatte Seresa beinahe unbändige Todesangst gehabt und so sie noch über ein schlagendes Herz verfügt hätte, so hätte dieses wohl vermutlich in diesem Moment versucht, ihren Hals hinauf zu klettern, durch den Mund nach draußen zu gelangen und panisch zu fliehen, soweit es nur konnte. Entsprechend unruhig war auch ihr inneres Tier gewesen, welches die vermeintliche Schwäche seiner Kerkermeisterin gewittert hatte. Dennoch war die Brujah vor allem noch immer eines: unbeschreiblich stur, auch wenn sie diese Eigenart nur selten offenkundig zeigte.

Als Seresa mit Ajax nach dem Vorfall hatte sprechen wollen, hatte sie ihn nicht angetroffen. Stattdessen hatte sie ein Schreiben erhalten, welches sie schweigend gelesen hatte. Damals hatte sich ihr Gesicht zu einer unbändigen Mischung aus Leidenschaftlichkeit und Wut verzogen, als sie seine Worte gelesen hatte. Für einen Moment hatte es gewirkt, als würde sie den Schrieb im nächsten Moment in der Luft zerreißen, doch stattdessen hatte sie den Blick von der Wache abgewandt und in Richtung Südwesten geblickt. Das Schriftstück in ihrer Hand hatte wohl bereits deutlich bessere Zeiten erlebt, bevor es durch die Hände von zwei derart leidenschaftlichen Wesen gewandert war, wie Ajax und Seresa.

Entsprechend waren Seresas Fangzähne - für die Sterblichen verborgen - ausgefahren gewesen. Für einen Moment zögerte sie und dachte nach. Dann übernahm ihre Leidenschaftlichkeit und Wut die Kontrolle über ihr Tun und sie zeichnete mit ihrem Finger, in welchen sie gebissen hatte, mehr auf dem Schriftstück, als dass sie tatsächlich etwas darauf schrieb. Acht blutige Striche fanden ihren Weg darauf.

Ein langer waagrechter, welcher auf dem unteren Teil von beinahe ganz links, bis ganz rechts ging. An seinen beiden Enden begann jeweils ein langer senkrechter Strich nach oben, bis dieser im oberen Teil des Schriftstücks endete. Zwischen den beiden Enden der Senkrechten, befand sich eine gezackte Linie, welche aus vier kürzeren Strichen bestand, deren zwei tiefste Punkte bis etwa zur Mitte gingen und dessen höchster Punkt sich in der Mitte auf Höhe der äußeren Striche befand. Deutlich kleiner - und in der unteren rechten Ecke - befand sich eine rote Schlangenlinie, welche sich von rechts oben nach links unten in runden Bögen windete.

Danach hatte Seresa sich ein Stück Stoff ihrer Unterkleidung abgerissen und um den Schrieb gewickelt, um diesen damit zu versiegeln. Rot klebte ihre Vitae an der Kreuzung der Schnüre, welche es somit nahezu unmöglich machen würde, diese zu öffnen, ohne einen Beweis dessen zu hinterlassen. Nachdem Seresa sich offenkundig beruhigt hatte und sich mit eingefahrenen Fängen erneut zu der Wache umgewandt hatte, waren nur wenige Worte zwischen den Beiden gewechselt worden. Der knappe und befehlsgewohnte Auftrag das Schreiben in dieser Form Ajax zu überstellen. Und nur ihm.

Von jener Nacht an, war die Gelehrte trotz ihrer ständigen Furcht und der steten Ungewissheit, in unregelmäßigen Abständen, den weiten und steilen Weg wieder und wieder hinauf zum Monte Bisagno angetreten. Sie war letztlich noch immer eine Brujah, welche mit Leidenschaftlichkeit und Sturheit trotz allen Widrigkeiten eisern daran festhielt, was ihr ein unverwüstliches Vertrauen auf ein besseres Morgen gegeben hatte: Loyalität.

Nacht um Nacht war Seresa allein unterwegs. Sie kam weit nach Mitternacht aus Richtung Osten. Den Griff fest um den Stab aus Olivenholz geschlossen, welcher ihr Halt auf dem beschwerlichen Weg hinauf bot. Sie ging wie immer offen sichtbar und verbarg sich vor den Wächtern am Wachturm nicht. Sie wusste, sie würden sie trotz der Dunkelheit sehen und sie kannten ihren Weg. Wie immer würde sie an einer bestimmten Stelle östlich abseits des Wachturms für einige Momente rast machen und von weitem schien es, als würde sie dort beten. Gelegentlich fand man an eben jener Stelle am nächsten Morgen eine gepflückte Blume auf der Erde liegen. Danach würde sie sich wortlos und ohne Gruß weiter in Richtung Kreuzdorf und somit Genua zurückbegeben.

Zumindest war dies, was sie in den vergangenen Jahren in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen getan hatte, doch begegnete sie ihrem geliebten Bruder im Blute Ajax nicht.
~*~ Die Glut des Herzens ist am besten in den Nächten voller Dunkelheit zu erkennen. ~*~