Der Alte nickte bedächtig und schenkte seinem Gegenüber ein warmes Lächeln:
"Eine Gesellschaft, die nur aus Gelehrten besteht, würde nicht weit kommen. Eine Gesellschaft braucht alle Berufsgruppen, jede ist gleich wichtig in meinen Augen."
Er machte eine kurze Pause und strich sich nachdenklich den Bart.
"Ihr seid Händler, verstehe ich das richtig? Oder Ihr habt zumindest engen Kontakt zu Händlern?"
Wieder hielt er inne und strich sich den Bart:
"Hm... ein Thema für eine Lehrstunde, das Euch gut zu Gesicht stünde... مَا شَاءَ ٱلله, vielen Dank für das entgegengebrachte Vertrauen, aber ich finde es wäre übergriffig, wenn ich ein Thema festlege, das Euch gut zu Gesicht stünde, ohne dass ich mich zuvorderst mit Euch darüber unterhalten habe, welche Themen Euch interessieren. Daher frage ich Euch: welche Themen interessieren Euch? Worüber möchtet Ihr gern mehr erfahren?"
Spoiler!
مَا شَاءَ ٱلله - /mā šāʾa llāh/ - "was Gott will" (unter Anderem Reaktion auf ein Lob; eine Aufforderung, bewusster durch die Welt zu gehen)
أعظم رحلة تبدأ بالخطوة الأولى
/iina 'aezam rihlat tabda bialkhutwat al'uwlaa/
Die größte Reise beginnt mit dem ersten Schritt.
„Ich habe engen Kontakt zu Händlern, ja. Der Handel ist ein… nützliches Werkzeug.“
Er machte eine kleine Pause, als würde er seine Gedanken ordnen.
„In letzter Zeit jedoch bewege ich mich vermehrt unter anderem Volk. Hafenarbeiter, Huren...einfaches Gesindel.“
Ein kaum merkliches Zucken seiner Mundwinkel.
„Gleichzeitig habe ich durch meine Aufgaben als Liktor vermehrt Kontakt zur Wache. Das öffnet Türen – und verschafft Einblicke, die man sonst nicht erhält.“
Sein Blick wurde für einen Moment etwas ernster.
„Der Krieg gegen Pisa bindet allerdings viel meiner Zeit. Viele Dinge, die ich gerne vertiefen würde, bleiben derzeit… Stückwerk.“
Dann sah er Barkephas wieder direkt an.
„Wenn Ihr nach Themen fragt, die mich interessieren…“
Eine kurze Pause.
„Der Glaube. Und das, was dahinter liegt.“
Seine Stimme wurde einen Hauch leiser.
„Und ebenso das Okkulte. Das, was sich nicht ohne Weiteres erklären lässt – und doch wirkt.“
Ein leichtes Nicken.
„Wenn Ihr mir dazu Einblicke gewähren könntet… wäre das von großem Interesse für mich und ich könnte mich zu gegebener Zeit erkenntlich zeigen.“
Er machte eine Pause, um dem Satzanfang mehr Gewicht zu verleihen.
"Wer ist ein Gelehrter? Derjenige, der sich das Wissen seltener Bücher angeeignet hat - oder derjenige, der vom Leben selbst unterrichtet wurde? Ihr sprecht mit denjenigen, auf die aus den steinernen Türmen, die das Wissen bewahren und das Leben abhalten sollen, herabgeblickt wird: Huren, Bettler, Tagelöhner und Schauerleute. Diejenigen, vor denen die Buchstabenleute Angst haben. Diejenigen, die wie niemand sonst das Leben kennen. Ist das nicht wahre Gelehrsamkeit?"
Er hielt inne und ließ den Blick schweifen und sprach mit einem Blick in die Ferne:
"العلم في الرأس، وليس في الكرّاس"
Sein Blick kehrte zu Lucian zurück:
"Die Leute mit denen Ihr sprecht, haben vielleicht keine großen Bücher gelesen oder geschrieben, aber sie haben das, was sie gelernt haben, lernen mussten, verinnerlicht und können es anwenden. Ein Mann, der eine großartige Abhandlung gelesen hat, hat diese verinnerlicht, vielleicht sogar verstanden - aber anwenden kann er dieses Wissen noch lange nicht. Wer ist also der Gelehrte - der Mann im Turm oder die Dirne im Hafen?"
Er breitete die Arme aus:
"Ich freue mich, dass Ihr dorthin geht, wo das Leben unterrichtet - und nicht irgendwelche Bücher ohne Berührung mit der Außenwelt."
Er stütze die Hände wieder auf die Mauer vor sich:
"Aber vergesst die Händler nicht, auch sie sind wichtig, denn sie halten den Blick offen, denn sie haben ein Gespür für das, was vor der eigenen Sandale passiert... an anderen Orten... an Orten, die ebenfalls Einfluss auf uns nehmen - und seien sie noch so fern."
Sein Blick wurde noch fokussierter:
"Habt Ihr zufällig Kontakt zu Händlern auf Sizilien oder auf dem Festland des Morgenlandes und könntet den Kontakt für mich herstellen zu jemandem, der mit der البردي - einer Pflanze, die Ihr als Papyrus oder Zyperngras kennt - handelt? Ich biete Euch dafür meine Sicht auf das Religiöse und Okkulte."
Spoiler!
العلم في الرأس، وليس في الكرّاس
/almaerifat takmun fi aleaqla, la fi daftar mulahazati./
Das Wissen befindet sich im Kopf, nicht im Heft.
البردي
/albardiu/
Papyrus
أعظم رحلة تبدأ بالخطوة الأولى
/iina 'aezam rihlat tabda bialkhutwat al'uwlaa/
Die größte Reise beginnt mit dem ersten Schritt.
Lucian hörte dem Salubri aufmerksam zu, ohne ihn zu unterbrechen. Erst als dieser geendet hatte, nickte er langsam.
„Ihr habt nicht unrecht“, sagte er ruhig. „Wissen, das nicht angewendet wird, bleibt… leblos. Und diejenigen, die gezwungen sind zu handeln, lernen oft schneller als jene, die nur lesen.“
Ein kurzer Blick zur Seite, dann wieder zurück.
„Vielleicht ist der Unterschied zwischen dem Mann im Turm und der Dirne im Hafen am Ende nicht, *wer* mehr weiß – sondern *wie* dieses Wissen genutzt wird.“
Dann ging er auf die eigentliche Bitte ein.
„Was Eure Anfrage betrifft: Ich habe Kontakte zu Tuchhändlern, die Waren aus verschiedensten Regionen beziehen. Es wäre durchaus möglich, dass sich darunter auch einige befinden, die Bögen Papyrus mitführen… oder beschaffen können.“
Er legte leicht den Kopf schief.
„Und selbst hier in Genua ließe sich mit etwas Aufwand vielleicht etwas auftreiben.“
Eine kurze Pause.
„Sagt mir: Welche Menge benötigt Ihr?“
Sein Blick wurde prüfender.
„Und warum gerade Papyrus? Pergament ist hier weit verbreitet, leicht zu beschaffen und haltbarer. Es wäre der naheliegendere Weg.“
Ein schwaches, nachdenkliches Lächeln.
„Ich hörte zudem von Händlern, die entlang der Seidenstraße verkehren, dass man dort auf zerkleinertem, getrocknetem Holz schreibt… doch das ist hier selten.“
Er verschränkte die Hände ruhig.
„Was also macht den Papyrus für Euch so wertvoll?“
Der Alte nickte zu Lucians Worten, während er sich diese genau einprägte:
"Das klingt nach einem verlockenden Angebot, bei diesen einmal näher nachzufragen. Ich suche jedoch nicht nach fertig verarbeitetem Papyrus, sondern nach der Pflanze selbst. Hier ist sie schwierig zu kultivieren, aber es ist theoretisch möglich. Wenn Ihr an Setzlinge heran kommen könntet, wäre das auf jeden Fall eine Investition wert, um langfristig vom Fernhandel unabhängiger zu werden - aber mein Hauptaugenmerk liegt fürs Erste auf der geernteten Pflanze, um sie hier in Genua weiterzuverarbeiten. Ich habe Leute, die sich auf dieses Handwerk verstehen - und die Schreiber und wären nicht gezwungen, mit der Haut von Schweinen zu arbeiten, denn die hiesigen Händler geben nicht an, welches Tier verarbeitet wurde."
Er machte eine kurze, nachdenkliche Pause und fuhr dann fort:
"Das gute Pergament von jungen Ziegen oder Schafen - und erst recht das von ungeborenen Lämmern - ist unerschwinglich, die Eigenproduktion zu teuer und platzaufwändig - von der moralischen Frage der Herstellung einmal abgesehen. Auch das besonders verarbeitete Leder zum Beschreiben, wie es in der arabischen Welt ebenfalls viel benutzt wird, lässt sich hier nicht umsetzen. Ihr wisst selbst, wie wenig Platz wir hier haben. Genua wächst und gedeiht, es werden bereits neue Stadtmauern um die alten herum hochgezogen, weil der Platz innerhalb der bestehenden ausgenutzt ist. In meinem Kulturkreis haben wir - habe ich - gute Erfahrungen mit Papyrus gemacht und ich weiß, dass die Nachfrage am fertigen Produkt vorhanden ist. Wie Ihr selbst sagt: es ist nicht verkehrt, mehr als ein Standbein zu haben - und für dieses Handwerk muss ich die Meinen nicht erst anlernen, sondern das können sie bereits. Sicher, mit dem besonders dünnen und glatten samarkandischen Papier kann es nicht mithalten - aber das könnte ich hier auch nicht selbst herstellen."
أعظم رحلة تبدأ بالخطوة الأولى
/iina 'aezam rihlat tabda bialkhutwat al'uwlaa/
Die größte Reise beginnt mit dem ersten Schritt.
Lucian hörte aufmerksam zu und nickte langsam, als Barkephas geendet hatte.
„Ich verstehe… Ihr denkt nicht nur an den Handel, sondern an die Quelle selbst. Unabhängigkeit statt Abhängigkeit.“
Ein Hauch von Anerkennung lag in seiner Stimme.
„Das ist… klug.“
Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken und blickte einen Moment hinab auf den Markt, als würde er die Wege und Möglichkeiten bereits abwägen.
„Ich kann versuchen, einen Kontakt herzustellen. Es gibt Händler, die Waren aus dem Süden und aus dem Morgenland beziehen – und ich kenne möglicherweise auch jemanden mit eigenem Schiff, der bereit wäre, eine solche Beschaffung zu versuchen.“
Sein Blick kehrte zu Barkephas zurück.
„Doch ich will offen sprechen: Es wird weder einfach noch günstig.“
Eine kurze Pause.
„Die Pflanze lebend zu transportieren… oder auch nur in einem Zustand, der sich weiterverarbeiten lässt… erfordert Sorgfalt, Zeit und die richtigen Bedingungen.“
Ein leichtes Nicken.
„Dennoch – ich werde sehen, was sich arrangieren lässt.“
Sein Blick wurde etwas schärfer, prüfender.
„Wenn es gelingt, könnte es sich – wie Ihr sagt – als lohnende Investition erweisen. Für Euch… und vielleicht auch für mich.“
"Ihr habt recht, es geht darum, sich ein Stück weit unabhängig zu machen - und zugleich den Kontakt zur Heimat zu halten."
Er lächelte sanft und lehnte sich gedanklich zurück:
"Wir werden sehen, was Ihr erreichen könnt. Ich hoffe, Ihr könnt findige Schiffer ausfindig machen... aber ich gebe Euch recht: es ist kein leichtes Unterfangen. Das Risiko trage ich - aber am Gewinn werdet Ihr selbstverständlich beteiligt."
Er schwieg und sah einem Moment lang nachdenklich auf die Agora.
"Aber noch habt Ihr nicht mit Euren Kontakten gesprochen. Wie viel Zeit benötigt Ihr? Einen Monat oder deren drei?"
أعظم رحلة تبدأ بالخطوة الأولى
/iina 'aezam rihlat tabda bialkhutwat al'uwlaa/
Die größte Reise beginnt mit dem ersten Schritt.
Lucian dachte einen Moment nach, ehe er antwortete.
„Ein solches Vorhaben verlangt nach Sorgfalt… und den richtigen Gelegenheiten.“
Sein Blick glitt kurz über die geschäftige Ferne der Stadt.
„Ich würde mir einige Wochen erbitten – eher in Richtung der von Euch genannten drei Monate. Weniger Zeit ließe mich zu sehr auf Zufälle hoffen, statt gezielt vorzugehen.“
Er wandte sich wieder vollständig Barkephas zu.
„In dieser Zeit werde ich meine Kontakte prüfen, vorsichtig vorfühlen und sehen, was sich tatsächlich umsetzen lässt.“
Ein knappes Nicken.
„Danach können wir uns erneut treffen und das Ergebnis besprechen.“
Dann legte er leicht den Kopf schief.
„Wie kann ich Euch am besten erreichen? Ihr nanntet den Hafen… doch ein genauerer Anlaufpunkt wäre hilfreich.“
Eine kurze Pause, dann fügte er hinzu:
„Mich hingegen könnt Ihr über das Handelshaus Murano erreichen. Auch wenn ich derzeit selten persönlich anzutreffen bin, wird man mir eine Nachricht zukommen lassen.“
Der alte Orientale nickte und lächelte sein Gegenüber an:
"Das klingt vernünftig. Gut Ding will Weile haben."
Er ließ den Blick schweifen und danach zu Lucian zurück kehren:
"Meine Anlaufstelle um neuen Hafen ist noch Baustelle, hoffentlich nicht mehr lange. Bis dahin könnt Ihr mir Nachrichten über das Elysium zukommen lassen."
Er machte eine kurze Pause und fragte dann:
"Kann ich für Euch auch etwas tun?"
أعظم رحلة تبدأ بالخطوة الأولى
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Die größte Reise beginnt mit dem ersten Schritt.