Später erinnerte sich Jacopo nur noch an den Wolf.
Nicht an die Jahreszeit, nicht an die genaue Stelle im Wald und nicht einmal daran, weshalb er der Spur überhaupt gefolgt war. Nur an den Wolf.
Das Tier hatte sich in einer Schlinge verfangen. Es war mager, erschöpft und viel zu schwach, um noch ernsthaft Widerstand zu leisten. Pietro betrachtete die Sache mit der nüchternen Pragmatik eines Jägers. Ein verletztes Raubtier bedeutete Gefahr, Leid und einen langsamen Tod. Man sollte es erlösen und weiterziehen.
Jacopo widersprach.
Vielleicht aus Mitleid. Vielleicht aus Sturheit. Wahrscheinlich aus beidem.
Während Pietro die Schlinge löste, hatte Jacopo das Gefühl beobachtet zu werden. Es war kein Geräusch. Kein Rascheln. Kein Geruch. Nur diese unangenehme Gewissheit, dass sich irgendwo zwischen den Bäumen Augen auf ihn gerichtet hatten.
Als der Wolf schließlich humpelnd im Unterholz verschwand, trat eine Gestalt aus den Schatten.
Eine Frau.
Zumindest nahm Jacopo an, dass es eine Frau war.
Sie wirkte klein und schmal, beinahe zerbrechlich, doch irgendetwas an ihrer Haltung ließ jeden Gedanken an Schwäche lächerlich erscheinen. Ihr Gesicht lag größtenteils im Schatten einer Kapuze verborgen. Was dennoch sichtbar wurde, war genug, um zu erklären, weshalb sie die Wälder den Straßen vorzog.
„Die meisten hätten ihn getötet“, sagte sie.
Ihre Stimme klang rau und trocken, als hätte sie lange Zeit keine Verwendung für Worte gehabt.
„Die meisten sehen nur einen Wolf.“
Sie antwortete nicht. Sie musterte ihn lediglich einige Augenblicke lang, als würde sie eine Entscheidung treffen. Dann verschwand sie wieder zwischen den Bäumen.
Jacopo ging zunächst davon aus, sie nie wiederzusehen.
Er irrte sich.
In den folgenden Jahren begegnete er ihr immer wieder. Nie regelmäßig. Nie angekündigt. Manchmal vergingen Monate ohne jede Spur von ihr, nur damit sie plötzlich wieder auftauchte, als hätte sie ihn die ganze Zeit beobachtet. Einmal fand er sie in den Ruinen einer Kapelle hoch oben in den Bergen. Ein anderes Mal saß sie bereits an seinem Lagerfeuer, als er und Pietro nach einer Jagd zurückkehrten.
Sie stellte Fragen.
Viele Fragen.
Nicht nach den Dingen, die Vampire normalerweise interessierten. Nicht nach Domänen, Ahnen oder Intrigen. Sie wollte wissen, welche Dörfer schlechte Ernten hatten. Welche Hirten neue Weidegründe nutzten. Welche Familien ihre Höfe verlassen hatten. Welche Wege die Schmuggler bevorzugten und welche Geschichten die Bauern an ihren Feuern erzählten.
Mit der Zeit begriff Jacopo, dass sie Informationen sammelte wie andere Menschen Münzen.
Und er begann, ihr welche zu geben.
Nicht aus Vertrauen.
Sondern weil sie im Gegenzug ebenfalls sprach.
Sie kannte Dinge, die niemand in den Dörfern wusste. Sie kannte Namen, die niemals offen ausgesprochen wurden. Sie wusste, welche Straßen man meiden sollte, welche Burgen neue Herren erhalten hatten und welche Reisenden besser nie ihr Ziel erreichten.
Es entstand keine Freundschaft.
Dafür waren beide zu misstrauisch.
Aber es entstand etwas anderes. Eine Gewohnheit. Eine Art stillschweigendes Abkommen.
Eines Nachts fanden sie gemeinsam den Kadaver eines Hirsches. Das Tier war gerissen worden, doch nicht von Wölfen. Die Spuren verrieten Panik. Gewalt. Etwas war hier schiefgelaufen.
Jacopo betrachtete den Boden und versuchte die Geschichte zu lesen, die sich dort abgespielt hatte.
„Was siehst du?“, fragte sie.
Er zuckte mit den Schultern.
„Einen schlechten Jäger.“
Sie schüttelte langsam den Kopf.
Dann deutete sie nach oben.
Erst jetzt bemerkte Jacopo die Krähen.
Drei schwarze Vögel saßen auf den Ästen über ihnen. Regungslos. Wachsam.
Sie hatten ihn beobachtet, seit sie die Lichtung betreten hatten.
„Du schaust immer auf den Boden“, sagte sie.
„Dort sind die Spuren.“
„Ja.“
Für einen Moment schwieg sie.
„Aber nicht alle Spuren finden sich im Dreck. Manchmal haben auch die Tiere eine Stimme und etwas zu sagen.“
Es war eine einfache Bemerkung. Fast belanglos.
Und doch blieb sie ihm im Gedächtnis.
Später zeigte sie ihm weitere Dinge. Keine großen Geheimnisse. Keine uralten Offenbarungen. Sie lehrte ihn, auf Tiere zu achten. Auf ihr Verhalten. Auf ihre Ängste. Auf die Weise, wie sie die Welt wahrnahmen. Vieles davon hatte Jacopo bereits geahnt. Sie gab diesen Instinkten lediglich eine Richtung und brachte ihm bei die Tiere zu verstehen und auch ihnen zu antworten.
Wenn er heute darüber nachdachte, wusste er nicht, weshalb sie sich überhaupt die Mühe gemacht hatte.
Vielleicht war sie neugierig gewesen.
Vielleicht hatte sie einen Nutzen in ihm gesehen.
Vielleicht hatte sie einfach einen seltenen Toreador gefunden, der sich lieber mit Hirten und Wölfen beschäftigte als mit Höfen und Festen.
Er hatte nie gefragt.
Und sie hätte ohnehin nicht geantwortet.
[Fluff] Eine alte Bekannte
Geschichten über Monster
Moderator: Ilario
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