Sestieri (Genuas "Stadtteile")

Die Stolze ist voll von Geschichte, selbst jetzt, voller Orte und Plätze mit ihrem ganz eigenen Charme.
Hier sind einige davon.

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Il Narratore
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Sestieri (Genuas "Stadtteile")

Beitrag von Il Narratore »

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Il Canzoniere
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Ein Überblick

Beitrag von Il Canzoniere »

Ein Überblick
Sechstel nennen die Genovesi ihre Stadtteile, denn Genua ist zu stolz und zu mächtig, um sich mit deren vier zufrieden zu geben. Und wenn Venedig schon die Frechheit zu diesem Namen besitzt, so steht es der wahren Herrin der Meere doch nur recht und billig an.
Im zehnten Jahrhundert sind diese Sestieri noch einiges kleiner und unscheinbarer, als sie es in der spätmittelalterlichen Hochphase sein werden. Tatsächlich umfasst allein das heutige Sestiere Molo das gesamte Stadtgebiet Genuas im Jahre 936.
[Bis ich Zeit und Muse für vernünftige Recherche und Atmosphärische Beschreibungen finde hier die Kurzversion:]

Mascarana oder Maccagnana lag ganz im Süden der Stadt, entlang der sanften Hänge des Kastellhügels und im Schatten des bischöflichen Einflusses, von San Donato. Einige der wohlhabenderen (und gottesfürchtigeren) Bürger lebten hier, wie auch jene Handwerker, deren Talente zum Erhalt des bischöflichen Haushalts benötigt wurden. Sie ließen sich in den Garnisonsgebäuden der Römer nieder, wo die Legionen des Castrums sich

Brolius, oder auch Broglio, war vor Errichtung der karolingischen Stadtmauern das Borgo Saccherio, wo sich noch zu Zeiten des Grafensohnes Otberto Hühnerfarmen auf den grünen Hügeln im Osten befanden.

Ravecca nahm seinen Namen von der Via Revecca, der Straße die von der Porta Soprana zur Porta di Castello führt, und war ein um diese ehemalige Handelsstraße nach Nordosten gewachsenes Dorf voller Leben. Wirtshäuser, festlich geschmückte Plätze und der ein oder andere Kräutergarten erfreuten hier das Auge und die Seele.

Clavica....Clavica ist ein seltsames Wort, seine Etymologie gibt aber großen Aufschluss über die Bevölkerung dieses illustren Örtchens: Es ist die latinisierte Form des alltäglicheren Chiavica, das wiederum eine Bastardisierung des lateinischen Clovaca bedeutet.
Scheißekanal. Der Abschaum der Stadt siedelte sich hier an, nistete sich wie Gewürm in den ruinierten Häusern größerer Männer ein, die das schwarze Herz des Sesterie bildeten. Wie von der Flut angespült landete unfehlbar jeder Bettler, Beutelschneider und Büttel früher oder später hier, jeder Strauchdieb und Matrose fand seinen Weg in die Hurenhäuser und Schenken der Clavica. Nicht eine Kirche gab es hier, nicht eine Piazza, auf die die Anwohner ihre Feste hätten verlagern können: Nur ein endloses Meer aus Gassen und Schatten.

Platealonga oder auch Piazzalunga, bedeutet soviel wie Langer Platz und umfasste jenen südwestlichen Teil der Stadt von der Wasserfront über die Chiesa di San Damiano, den Mercato di San Giorgio bis hin zu dem Platz vor der Chiesa San Donato. Der Name stammt offensichtlich von den vielen Plätzen und Handelsständen, die sich durch das ständige kommen und gehen der Händler und Märkte teils nur wenige Meter hintereinander befanden. An Markttagen mochte es so wirken, als sei das ganze Straßennetz von der San Donato bis zu San Giorgio eine einzige, lange Piazza.

Domus, römisch für Haus, war genau das: Eine Ansammlung von Häusern entlang der alten Stadtmauern, die sich im Schatten der erneuerten Mauern wiederfanden. Es lebten nicht die reichsten Menschen hier und nicht die ehrlichsten, aber Weber, Müller, Bader, Turmschließer, Totengräber und Abdecker und Metzger mussten irgendwo leben. Da diese unreinen Berufe leider einen Großteil der städtischen Wirtschaft ausmachten, war das Domus auch das größte Viertel und von den sarrazenischen Geißeln am härtesten getroffen.

Die Römer fassten diese Stadtteile unter vier Namen zusammen:
Castrum, was natürlich die Gegend um das Bischofskastell im Süden der Stadt bezeichnet und eigentlich nur Mascharana umfasst.
Civitas, womit das Zentrum der römischen Planstadt und Kultur gemeint war, bestehend aus Clavica, Platealonga und Domus.
In Abgrenzung zu diesen Zentren der römischen Kultur bezeichneten sie die sogenannten Burgi - die Dörfer ausserhalb der Stadtmauern - und mit Domocultae die Landgüter der reicheren Römer, ihre Weinberge und Villen, die sich hauptsächlich auf den Hügeln zwischen den kleineren Zuflüssen des Golfes entlang dem Weg nach Lucculi.
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I Tarocchi
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Re: Sestieri und Aktualisierungen

Beitrag von I Tarocchi »

Broglio (ca. 1070 n.Chr.)

Broglio ist mittlerweile seit über hundert Jahren ein Sestieri innerhalb der Stadtmauern Genuas. Einst ein beschauliches Dörfchen vor den Toren wurde es zu einem wichtigen Umschlagplatz für den Handel über Land. In Broglio liegt dicht am vormaligen Tor, der Porta Soprana, ein großer Handelshof für Waren aus oder in das Umland Genuas und darüber hinaus.
Hier stehen die Geschäfte niemals ganz still - selbst bei Nacht, wenn all die Bündel, Kisten, Fässer, Krüge und Körbe mit allen möglichen Waren gut verschnürt und verstaut sind, geht das Feilschen, Schachern und Handeln im Schein von Laternen und Talglichtern um den Handelshof her weiter.
Tag und Nacht klingt das Summen von Ehrgeiz und Gelegenheiten durch Broglio: Hier ist man nicht reich, aber will es werden. Broglio könnte vieles werden, gerade jetzt, wo eine neue Mauer Genua im Norden erweitern soll und das Sestieri näher ins Herz der Stadt rückt.

Doch das hat seine Schattenseiten. Mit der Erweiterung der Mauer im Norden gehen Sorgen einher: Was wird, wenn die guten Geschäfte mit einem neuen Haupttor weiter im Norden mitwandern? Der Piazza Soprana am alten Haupttor, der Porta Soprana, wird wohl nicht seine alte Bedeutung behalten. Dafür gibt es nun genug Raum, auch im Norden zu bauen und mit Glück, Ehrgeiz und Erfindungsreichtum einen guten Ort für bessere Geschäfte zu finden.
Die Häuser im alten Sestieri sind dicht zusammengewachsen und mussten in die Höhe gehen, um dem langsamen Zuwachs an Menschen Raum zu geben. Von Südwesten her wuchert auch das Elend Claviculas in Broglio hinein und in den ungepflasterten, oft vom Unrat schlammigen und stinkenden Straßen und Gassen treibt sich Gesindel um. Wie in einem vergeblichen Kampf gegen Armut wurde einst ein Armenhaus in dieser Gegend errichtet, doch das lässt es manchmal wirken als hätte man dem Elend nur ein löchriges Dach über den kahlen, fleckigen Kopf gebaut.
Vielleicht ist das auch ein Grund, weshalb es seit einigen Jahrzehnten Gesetz ist, dass in Broglio nur Waffen tragen darf, wer die Erlaubnis der Wache dazu hat?

Im Großen und Ganzen sehen sich die Bewohner Broglios doch als handfeste Leute. Hier leben die, die auch durch den Handel ihr Leben bestreiten, aber nicht so fett und reich damit davonkommen wie die Händler selbst: Ochsen- und Eseltreiber und ein paar Seildreher, die in Platealonga keinen Platz mehr fanden, Fassbinder, Träger, Boten, Radmacher und mehr.


Gotteshäuser:
Santa Melitta


Kainitische Besonderheiten
Das 'A Tarda Ora' ist in Broglio gelegen.
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I Tarocchi
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Re: Sestieri und Aktualisierungen

Beitrag von I Tarocchi »

Ravecca (ca. 1070 n.Chr.)

Ravecca ist wie die schöne Tochter in der Familie der Sestieri von Genua. Zeit und Schicksal haben sie geprügelt, doch von der Schönheit von einst blieb immer etwas erhalten. Einst war Ravecca eine Gegend mit Apfelhainen und Kräutergärten, doch mittlerweile ist es fest innerhalb der Mauern. Der Andreahügel, Colle di Sant'Andrea, verleiht der Gestalt Raveccas eine sanfte Rundung, auch wenn er mittlerweile dicht bebaut ist und nur hier und dort noch ein paar alte Obst- oder Olivenbäume stehen und an die süßen Düfte von einst erinnern.

Die Menschen hier sind ein wenig reicher, können manchmal sogar einen Sinn fürs Schöne pflegen. Musik klingt aus den Trinkhäusern und Tavernen, hier gibt es viele Gasthäuser und Unterkünfte für Pilger und Reise.
Das Rathaus Genuas liegt genau im Dreieck zwischen Mascharana, Ravecca und Clavicula. Wenngleich es auch fest auf Mascharaner Grund steht, pflegt man in Ravecca doch einen gewissen Stolz auf die Nähe dazu.
Die edle und reiche Familie der Arduinci hat ihren Stammsitz im Südwesten Raveccas, wo dieses an Mascharana grenzt, doch in diesem Fall fest auf Raveccas Grund! Das sind protzige Gebäude, die sich aber im Süden und Südosten Raveccas gut einpassen, denn hier gibt es einige Villen und kleinen Palazzos, Geschlechtertürme und Zierbauten.

Doch auf der Mascharana abgekehrten Seite, gen Clavicula und Broglio, sind die Gassen enger, die Häuser schäbiger, die Menschen ärmer und hungriger. Hier sind die Gasthäuser eher Spelunken und die Geschäfte dubioser. Doch Ravecca, die schöne Tochter, hat ein gütiges Herz und so gibt es hier auch ein Waisenhaus - das erste in Italien! - und ein Haus für die Ärmsten der Armen.
Überall in Ravecca, aber im Nordwesten und Norden wohl am meisten, tummeln sich die Bettler und Diebe, getrieben durch Armut und Not, Gier und Verzweiflung mit Blick auf die reicheren Häuser im Süden, die Reisenden und Pilger.

Mit dem Bau der neuen Mauern hat sich Ravecca großzügig nach Nordosten verlängert. Einige der reicheren Familien haben die alte Erinnerung der Apfelhaine und Kräutergärten wohl wieder aufzunehmen versucht und so entstehen einige hübsche Villen mir Gärten und kleinen Höfen, ebenso wie neue Tavernen und Gasthöfe. Das sorgt für Gift und Streitereien, denn die altverwurzelten Trink- und Gasthäuser mehr im Inneren der Stadt fürchten, dass ihnen so Kundschaft und Gewinne abgegraben werden.

Auf der Linie der alten Mauer, deren Steine für Bauarbeiten an der neuen Mauer abgetragen oder kurzerhand für ganz andere Bauten gestohlen wurden, entstand eine neue und aufgrund des festen Fundaments sehr solide Straße, die kurzerhand die ‘Via del Muro’ genannt wird und sich in einem leichten Bogen der alten Mauer einmal quer von Süd nach Norden gen Broglio zieht. Hier haben sich ein paar kleine Werkstätten von Künstlern und Stände von Händlern für Kleinigkeiten an die Reisenden angesiedelt, die Reiseverpflegung, aber auch Glücksbringer und Heiligensegen für alle anbieten, die sich auf den gefährlichen Weg durchs Land machen wollen.

Gar nicht so weit von dieser neuen Via del Muro entfernt liegen in Ravecca auch die Belagerungswerkstätten der Brambilla. In einem Verbund aus Schmieden und Werkstätten wird dort das schwere Kriegsgerät für die genuesische Flotte gefertigt.



Gotteshäuser:
San Donatius/Donato - ob die Kirche nun in Broglio oder in Ravecca steht, darüber streiten sich die Bewohner von Zeit zu Zeit. Zur Zeit erhebt Ravecca diesen Anspruch für sich.


Kainitische Besonderheit:
In Ravecca steht das alte Elysium von San Donato. Die Aufmerksamkeit darauf ist ein wenig verblasst, doch ein Echo der alten Tage haftet dem vermeintlichen Gotteshaus und seinem langen Schatten noch an.
Auch das neue Elysium, der Giardino della Rosa silenziosa, verbirgt sich unter der Obhut des Hüters der Elysien in Ravecca.
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I Tarocchi
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Re: Sestieri und Aktualisierungen

Beitrag von I Tarocchi »

Mascharana (ca. 1070 n.Chr.)

Mascharana, die helle Krone von la Superba, dem stolzen Genua, thront an den südlichen Klippen über der ligurischen See. Hier liegen die Villen und Palazzos der Reichen und lässt sie auf die übrige Stadt herab sehen. Hier oben vertreibt die Frische der Seeluft den Stadtgestank und auch die Sommerhitze ist weniger drückend. Bettler und Taugenichts haben in den gepflasterten Straßen nichts verloren und werden entweder von den Wächtern der Handelsherren oder denen des Sestieri davongejagt.

Die alte Villa Embriaci, einst Sitz des Konsuls von Mascharana, erhebt sich hier in gediegener Pracht über die Stadt. Der Sitz des Familienoberhaupts der einflussreichen Familie ist mittlerweile allerdings ein hoher Geschlechterturm, von dessen Spitze man einen wahrhaft märchenhaften Blick über die See haben muss. Diesen Ausblick könnte wohl nur die noch eleganter auf den hohen Klippen gelegene Villa der Familie Fieschi streitig machen, von deren Gärten, hohen Mauern und Turm man unverstellt hinab auf die ligurische See blicken kann.Doch von derlei kann der Pöbel Genuas nur träumen.

Mit dem Aufblühen Genuas wuchs der zur Schau gestellte Reichtum Mascharanas weiter an: Die Reichen der Stadt zeigen ihren Erfolg in Zierbauten und Mauern, Wächtern und Prachtgärten, Türmchen, Türmen und Bögen, kunstvollen Atrien, Brunnen, Portalen und Treppen.

Doch hinter dieser wunderhübschen Pracht verbergen sich tiefe Abgründe, umsäumt von einem dornigen Flechtwerk aus Intrigen und giftigen Gerüchten, hochtrabendem Gehabe und geheimen Affären, ölig-glatter Vetternwirtschaft und bittersten Rivalitäen. So manche Familie hat während der Unruhen in der Hungersnot, in heftigen Fehden untereinander, zu allzu hoch gegriffenen Ambitionen im Handel und so mancher Stadtintrige alles verloren. Hinter einigen Prachtfassaden ist nichts mehr geblieben außer altem Stolz, andere mussten ganz aufgegeben werden und wurden im Auf und Ab von Reichtum, Macht und Wohlgefallen weiter gereicht. Natürlich bleibt jedoch am Ende immer alles in der Riege der Reichen und Mächtigen: Cane non mangia cane, eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.

Die schöne, alte Kirche der Santa Maria im Herzen des Sestieri ist wohl auch die mächtigste - oder wenigstens eine der mächtigsten - Kirchen der Stadt. Ihr erster Priester gehört dem Bischofsrat an und hier gehen die Reichen und Mächtigen der Stadt zum Gebet ein und aus. So manche Verbindung zwischen zwei einflussreichen Familien wurde hier in einer Hochzeit besiegelt, so mancher zukünftige Erbe von Reichtum und alten Namen wurde hier getauft.

Das südlichste Tor Genuas, die Porta di Castello, führt nach Mascharana hinein, am Bischofskastell vorbei und zum Piazza Sarzana. An diesem Platz laufen alle Straßen und Gassen zusammen, die hinauf zum Bischofspalast führen, so wie die Fäden im Netz einer Spinne oder feine Stränge im Geflecht der Macht.
Das macht diesen südlichsten Teil Genuas zu einem Zentrum kirchlicher Macht, Würden und der Feuer des Glaubens. Die Kirche der Christenheit erstarkt in diesen Zeiten und wer dies leichtfertig unterschätzt, könnte dafür den letzten Preis bezahlen.


Gotteshäuser:
San Nazaret
Santa Maria


Kainitische Besonderheit:
Das Bischofskastell, Castello di Vescovo, liegt dicht an der Porta di Castello und dem Wachturm. Mit seiner alten, wohl noch römischen Bauweise thront es als stolze Erinnerung über Mascharana.

Die Villa di Fiori passt sich äußerlich hübsch in die Pracht Mascharanas ein, doch in der Gesellschaft der Nacht hat sie wohl eine Geschichte. Einstmals als die Villa Bianchi bekannt wurde sie erneuert und hat sich bis in die heutigen Nächte hinein glanzvoll gehalten.
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I Tarocchi
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Re: Sestieri und Aktualisierungen

Beitrag von I Tarocchi »

Clavicula (ca. 1070 n.Chr.)

Der Tiefpunkt. Das ist in Genua Clavicula - in mehr als einer Hinsicht. Die stinkende Gosse ist tatsächlich der tiefste Punkt der Stadt und hier sammelt sich all der Unrat, der aus den anderen Sestieri heruntergespült wurde.
Hier hausen auch die, die sich nirgendwo anders halten konnten. Verzweiflung wohnt neben Hunger, neben Alter und Krankheit, neben Hurerei und Versehrtheit, Elend und Pech. Sie alle werden geschwängert von Gestank, Hunger und zehrender Armut. Die Menschen drängen sich dicht an dicht, ebenso wie ihre Hütten, Häuser, manchmal auch nur Bretterbuden oder aufgespannte Zeltplanen. Gassen und sogar Straßen können in diesem Gewirr aus Not, Platzmangel und Revierkämpfen ebenso schnell entstehen wie wieder verschwinden.

Verschwinden kann man ohnehin schnell in dieser Gegend. Wer sich hierher wagt, sollte nichts mehr zu verlieren haben - oder Augen im Hinterkopf und am besten ein paar bewaffnete Begleiter. So manchem Unvorsichtigen wurde hier schon ein rotes Lächeln über die Kehle geschnitzt. Leben ist billig in dieser Gegend und schon für ein ordentliches Hemd, einen Gürtel oder auch nur ein Brot kann man seines verlieren.

Vor einigen Jahrzehnten hat hier ein großes Feuer gewütet, doch davon ist mittlerweile nicht mehr viel zu sehen. Das nächste Feuer wird sich wohl ebenso hungrig auch wieder in das Sestieri fressen, denn kaum etwas ist durchgehend aus Stein gebaut, die Brunnen sind selten, alle Wege eng. Das Feuer hat auch die meisten der alten, römischen Mietskasernen, die es im Sestieri gab, ausgehöhlt und zum Einsturz gebracht. Einige gibt es noch immer: Mehrstöckige, eng gebaute Häuser, in denen sich Familien auf engstem Raum neben- und übereinander stapeln. Derlei wird in dieser Zeit gar nicht mehr gebaut, doch Clavicula hat schon Jahrhunderte gesehen.
Ziemlich genau in der Mitte Claviculas liegt ein weiteres Armenhaus. Wer hier landet, kann wohl kaum tiefer enden, ausgenommen, ausgebeutet, versehrt oder gebrochen.

Es ist erst ein paar Jahrzehnte her, dass eine erste, echte Kirche in dieser Gosse Genuas gebaut wurde. San Cassiano ragt wie ein mahnender Zeigefinger über dem Elend auf. Mitten im Herzen Claviculas liegt der piazza dei gatti neri, der Platz der Schwarzen Katzen. Direkt an diesem Platz liegt auch das Gericht Genuas, aus dessen Fenstern heraus das Sestieri wohl wirken muss wie eine erste Vorhölle für all die Sünder und Verbrecher der Stadt.


Gotteshäuser:
San Cassiano

Kainitische Besonderheiten:
Clavicula hat eine bewegte Geschichte, auch in der Gesellschaft der Nacht. Einst war es die Domäne - oder doch ein Lehen? - von einem alten Nosferatu. Doch dieser scheint schon länger verschwunden zu sein… .
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I Tarocchi
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Re: Sestieri und Aktualisierungen

Beitrag von I Tarocchi »

Platealonga (ca. 1070 n.Chr.)

Platealonga auch Piazzalunga, der ‘Lange Platz’ ist in Wahrheit eine ganze Reihe von Plätzen die sich wie Perlen an einer langen Schnur von Süd nach Nord aneinander reihen. Hier werden die Waren vom Hafen her umgeschlagen, bestaunt oder auch gehandelt, manchmal direkt vom Fleck weg.
In die höhe geschossene Häuser und Lager säumen die Plätze und den nun bereits zwei Male erweiterten Hafen. Das Geschrei der Möwen und der Klang der Wellen begleiten einen hier.

Das Sestieri ist über das letzte Jahrhundert hinweg beständig aufgeblüht und hat einige sprunghafte Wachstumsschübe durchgemacht. Es kann wirken wie ein prächtiges Tor zwischen der ligurischen See und Norditalien, mit einem Hauch von Exotik und Abenteuer in der Luft. Weit scheint die Welt, voller Versprechungen direkt hinter dem türkisblauen Horizont.
Schiffe aus aller Herren Länder legen hier an, an den Markttagen drängen sich die Menschen auf dem Georgsplatz dicht an dicht. Jüngst hat der ‘lange Platz’ begonnen, sich weiter nach Norden zu verlängern, weiter die Küste - und vielleicht den zukünftigen Hafen? - entlang nach Norden. Die “Siedlung Nord”, die sich unsicher an die alte Stadtmauer schmiegen wollte, wurde kurzerhand zur ‘nuova piazza lunga’. Dort im neuen Norden Platealongas haben sich viele eben derjenigen angesiedelt, die für den Bau der neuen Stadtmauer so dringend benötigt worden waren oder die erst in den letzten Jahrzehnten versucht hatten, ihr Glück in Genua zu machen.

Die Werften der Brigori sind mittlerweile auch ansehnlich, ebenso wie die angeschwollene Villa dieser Familie, die ihr Schicksal und Glück eng mit der See und ihren Launen verwoben hat.
Ein hoher, sturmgeprüfter Leuchtturm ragt über den Hafenanlagen und der See auf. Sein helles Auge hat wohl so manches Schiff sicher in den Hafen geleitet.
Die Erweiterung Platealongas nach Norden heraus hat dafür gesorgt, dass die große Hafenmeisterei mittlerweile fast in der Mitte des Sestieri liegt. Dort laufen all die Rechnereien, Listen und Zahlen, die einen wachsenden Seehafen ausmachen, zusammen.
Das alte Hauptquartier der Stadtwache liegt neben der alten Porta di San Pietro, die womöglich die Mauererweiterung nach Norden heraus so auch nicht überstehen wird. Doch die Wache macht keine Anstalten, umzuziehen - ihre Reihen werden wohl mit der größeren Fläche der Stadt und der längeren Mauer auch eher wachsen.

Ebenfalls nur ein wenig südlich der alten Mauer und nun sicher im Schoß Platealongas liegen die Tuchwerkstätten der Brigori. Hierher werden Tuchwaren aus dem weit entfernten, nebelumwobenen England verschifft.

San Giorgio ist neben Santa Maria in Mascharana wohl eine der mächtigsten Kirchen der Stadt. Ihr oberster Priester ist im Bischofsrat - und wenn die Menge an Gläubigen, die die Predigten und Messen zusammenziehen ein Hinweis ist, dann auch zurecht!
An Markttagen ist der Platz vor der Kirche, piazza de Mercato di San Giorgio, eine Messe für die Religion des Geldes und der Waren.

Es ist also ein buntes Gemisch an Volk und Waren, das sich in Platealonga zusammensetzt, in den Kontoren und Spelunken, an den Anlegeplätzen und auf den piazzas, Werfthöfen und engen Straßen. Die sind zwar gepflastert, doch das macht sie nur härter, wenn man hier in der Dunkelheit ins Stolpern kommt und fällt. Dabei könnte auch einiges übles Gesindel nachhelfen und ein einzelner Reisender kann leicht verschwinden. Banden von rauen Gesellen treiben sich hier herum, ebenso wie Matrosen auf Landgang, Sklaventreiber, Träger, Seehändler, Bettler und Söldner, Fischer und Fischweiber.

Ein Armenhaus steht im Osten, in der Nähe zur Grenze nach Clavicula, wie ein vergeblicher Versuch, diese Armut dorthin zurück zu drängen, wohin sie gehört. Doch gerade Platealonga kennt sie nur allzu gut, mit sitzengelassenen Witwen von Matrosen, verkrüppelten und ausgedienten Seesöldnern und so manchem Schicksal, das in diesen Hafen gespült wurde wie ein von Wind und Wellen ausgebleichtes Stück Treibholz.


Gotteshäuser:
San Damiano
San Giorgio


Kainitische Besonderheit:
Im neuen Norden Platealongas liegt das theatro di Spinola, ein echtes Theaterhaus nach Vorbildern wie aus dem alten Rom oder Griechenland. Es ist damit landauf und landab einzigartig, denn die Theaterkunst ist in diesen Jahrhunderten fast vergessen worden.

Ebenfalls wie ein Erbe guter, altrömischer Tradition kann auch la terme wirken, ein Badehaus, das wie geschaffen scheint, um müden Reisenden den Staub vom Leib zu waschen.
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I Tarocchi
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Re: Sestieri und Aktualisierungen

Beitrag von I Tarocchi »

Domus (ca. 1070 n.Chr.)

Domus ist das feste Rückrat Genuas, die starken Schultern, die schaffenden Hände. Hier leben Handwerk und Tüchtigkeit, gesalzen mit einer Prise Erfindungsreichtum, im Zaum gehalten durch Anstand und Rechtschaffenheit. Im alten Domus sind die Straßen gepflastert und die Leute sind stolz darauf! Sie wollen auch bald die Gassen und Straßen im Norden ebenso gut gepflastert sehen, wohin sich das Sestieri in seiner Größe beinahe verdoppelt hat.

Es spricht auch für die Rechtschaffenheit von Domus, dass die Stadtwache des Sestieri gut doppelt so groß ist wie die der anderen, denn sie stellt die Wachen auf der Mauer und an den Toren. Mit der Erweiterung der Mauer wird diese Anzahl wohl auch eher wachsen als schrumpfen.

Mit dem ersten Tageslicht wird das Sestieri geschäftig, die Werkstätten öffnen ihre Fensterläden und die Menschen sind am Werk, um die Zeit auszunutzen. Die meisten bekannten Handwerke sind hier gut vertreten und das auch in guter Tradition. Von hier aus wird den Werften zugearbeitet, werden die Genuesen eingekleidet, werden die Werkzeuge und Notwendigkeiten für den Alltag hergestellt. Nach Clavicula hin ist die Gegend nicht ganz so geordnet oder stolz, denn hier haben sich einige Gerber angesiedelt, die mit Pferdepisse, faulem Harn und aufgespannten Tierhäuten ihrem Handwerk nachgehen müssen. Man will sie mitsamt dem Gestank gern vor die Stadt und die Mauern verbannen, doch die Gosse ist nun einmal wo sie ist und Scheiße rollt den Berg herunter, hinab nach Clavicula.

Im Norden haben sich weitere Werkstätten und Wohnhäuser angesiedelt oder sind noch im Bau. Von Norden her kommt Mailänder Eisen, Holz, Stein und Salz aus den Hängen der Appenien. Genuas Pracht mag auf dem Seehandel beruhen, doch nirgendwo sieht man den Wachstum und die Stärke so deutlich wie hier, inmitten von Handwerk und Geschäftigkeit.

Im Dreieck zwischen Platealongas Exotik, Claviculas Schatten und Domus’ Geschäftigkeit liegt ein halb verborgener Platz: Der Cortile delle Meraviglie, der Hof der Wunder, ist ein Ort der Exotik und des Rausches. Unter den ausladenden Zweigen eines alten Baumes gibt es Bühnen und Buden, Zelte und Nischen, Geschichten aus fernen Ländern, Magie aus den Knochen alter Heiliger oder den Sternen, nie gekannte Gerüche und süße Sünde. Hier gibt es alles und nichts, wenig ist von Bestand und jeder Besuch ist anders als der Letzte.


Gotteshäuser:
San Ambrosio
San Genesio
San Laurento


Kainitische Besonderheit:
Ungefähr südlich der alten Porta Sierravalle liegt das Domus Medicorum, ein Haus der Heilung.

Mitten in Domus gibt es einen kleinen Platz wo eine Statue eines Engels steht, die nach hundert Jahren in Wind und Regen mittlerweile ein wenig verwaschen und schwer kenntlich geworden ist.
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I Tarocchi
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Re: Sestieri und Aktualisierungen

Beitrag von I Tarocchi »

Maddalena (ca. 1070 n.Chr.)

Vor der Erweiterung der Mauer war Maddalena ein Dörfchen nicht allzu weit vor der Porta Sierravale. Domus mit seinen Werkstätten nach Norden erweitert, aber da, wo diese Werkstätten und Häuser sich lichten und die Gegend hügeliger wird, beginnt Maddalena mit seinen Weinbergen.

Die Häuser stehen hier noch vereinzelt und man kann die fünf alten, wohl ursprünglich einmal römischen Gutshöfe, aus denen das Dörfchen ursprünglich einmal bestand, noch erkennen: die antiken Villae Rusticae haben allesamt die Jahrhunderte überstanden, auch wenn sie mittlerweile mehr ein Flickwerk aus Alt, Neu und einem Mangel an Können und Baumaterial geworden sind. Daran wurde nun einfach angebaut. Wem es nicht gelang, in Domus Fuß zu fassen, der errichtet hier seine Werkstätten - ohnehin gab es schon einige davon, die von einem Sproß der Brigori geführt werden.
Das sorgt dafür, dass sich hier Leute anzusiedeln versuchen, die sich noch keinen Namen als ehrbare Genueser Handwerker gemacht haben.

Der Wein auf den Hügeln Maddalenas muss mehr und mehr dem Wachstum der Stadt weichen, doch noch gibt es einige Hänge mit Weinreben. Der Wein selbst wird vor der neuen Mauer hergestellt, wo die Winzer und Rebzüchter auch versuchen, neue Hänge und Felder zu erschließen. Es kann gut sein, dass in den nächsten Jahren der genuesische Wein ganz anders schmecken wird als zuvor gewohnt.

Ein wenig hat sich Maddalena seinen dörflichen Charme noch erhalten: am größten Brunnenplatz, der Piazza dei Limoni, werden mehr oder weniger frische Erzeugnisse der Felder aus dem Umland gehandelt, Zitronen und Oliven, rasch verwelkende Kräuter und deutlich haltbarere Rüben, Getreide, Äpfel, Pflaumen, Pfirsiche und Aprikosen. Einiges davon wird von Zwischenhändlern hier weiter auf die größeren Märkte Genuas gebracht.


Gotteshäuser:
Die Kirche der Santa Maria Magdalena ist die Namensgeberin des Sestieri.

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Re: Sestieri und Aktualisierungen

Beitrag von I Tarocchi »

Staglieno (ca. 1070 n.Chr.)

Staglieno war ein Dorf um ein Kloster von Benedektinermönchen herum. Die vielleicht 40 Betbrüder haben sich jedoch aus dem Dorfleben ferngehalten. Dafür hat hier eine wohl noch jüngere, genuesische Großfamilie, die Doria, Fuß gefasst und machte mit der Pferdezucht Geschäfte.
Doch mit dem Bau der neuen Mauer wurde das Weideland immer knapper bis die Weiden und dazugehörigen Ställe kurzerhand nach weiter draußen umzogen. Geblieben ist ein weitläufiges Anwesen, das nun als der Hauptsitz der Doria einen beinahe noblen Akzent in dem sonst eher bäuerlichen, derben Staglieno setzt.

Auch wenn Weiden und Felder wohl eher vor die Stadtmauern rücken, bleibt die Gegend von der Viehzucht geprägt. Für Hühner, Ziegen oder ein paar Schweine ist auch auf kleinerem Raum Platz. Der ‘mercato del bestiame’, der Viehmarkt, ist eine flachgetrampelte Wiese, die manchmal in Staub, manchmal in Schlamm, Schweineblut und Jauche zu ertrinken droht. Einmal im Monat wird alles Vieh zusammen getrieben, das verkauft werden soll, und wer gute Preise machen oder eine Auswahl haben will, der drängt sich mitten hinein in das lautstarke Gedränge des Viehmarkts.

Das hat auch dafür gesorgt, dass die zwei Wirtshäuser, die vor dem Mauerbau für die Reisenden geöffnet waren, die es nicht mehr bis zum Toresschluss in die Stadt geschafft hatten, sich gut halten konnten.


Gotteshäuser:
St. Andrea ist ein Benediktinerkloster, das Honig herstellt und Kräuter anpflanzt. Hinter den hohen Klostermauern leben etwa 40 Mönche.


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