[1093] Von Fährten und Familien [Agnellina, Angelique]

Wenn die Sonne hinter das Appenningebirge sinkt, kriechen die Verdammten aus ihren Löchern. Dies sind ihre Geschichten.
Benutzeravatar
Agnellina
Gangrel
Beiträge: 521
Registriert: Mi 2. Aug 2023, 22:00

Re: [1093] Von Fährten und Familien [Agnellina, Angelique]

Beitrag von Agnellina »

Angeliques entspannte Haltung ließ auch die Gangrel zur Ruhe kommen. Vielleicht war es dumme Unbedarftheit, aber sie verlor sich in den Geschichten. Ihre erzählte sie mit Freude und einem ähnlichen Spieltrieb, wie sie ihre Vokabeln in Angriff nahm. Sie erzählte nicht nur, sie lebte ihre Geschichten. Im Einklang mit ihren Worten bewegten sich ihre Hände, untermalten mit Bewegungen und brachten ihre Körperhaltungen ins Spiel. Sie war im Hier und Jetzt versunken, verweilte ohne Hintergedanken im gegenwärtigen Tun. Sie teilte die Erzählungen mit Angelique, weil sie nach außen hin spürbar Freude daran empfand. Gleichsam nahm sie wie ein Schwamm auf, was Angelique ihr anbot.

„Jenseits der Alpen. Du hast die andere Seite der Berge gesehen?“
Da war wieder dieser Blick, der sich anstrengte das Bild des zierlichen Kindes zu durchschauen und gleichzeitig neugierig eine Vorstellung ausmalte.
„Ich wurde gewarnt vor den Gipfeln und Pässen. Es sei sehr schwierig und gefährlich, die Berge zu passieren. Harte Wege, schwerer Boden um Beute zu schlagen, wenig Deckung vor dem Tageslicht.“

Agnellina folgte der zeigenden Hand und sah in die Dunkelheit des Tales, während sie Angeliques Geschichte lauschte.
Schwerlich wusste sie die Zeit einzuschätzen. Lange Zeit war sehr relativ. Hatte sie jemals von Cäsar gehört? Kaum anzunehmen und der Name löste auch keine Reaktion in ihrem Gesicht aus. Aber für den Aufmerksamen erkennbar zeigte sich eine Spur von Mitgefühl in den braunen Augen, die so gar nicht tot und kalt sein wollten, als es um den Hirsch und den Kummer des Jägers ging.

Sie hing der Geschichte eine Weile im Gedanken nach, ohne etwas dazu zu sagen. Obwohl Agnellina beim Erzählen plapperte, scheute sie sich nicht vor dem Schweigen. Sie sammelte ihre Gedanken und brachte sie dann zusammen. Dabei kam sie auf die Füße und lief ein Stück weiter.

„Du hattest dich nicht entschieden, wohin du gehen wolltest. Doch vielleicht magst du es in Erwägung ziehen, dass ich mich für einen Teil des Weges anschließe? Also wenn es über die Berge gehen sollte? Der Gedanke gefällt mir, einmal Gipfel zu überwinden.“

Sie reckte sich und ihre Hände griffen in die Nachtluft, ihre pelzigen Finger streckten sich wohlig lockernd aus.

„Du sagst, es gab schon früher Straßen, die vergangen sind? Dann hoffe ich, dass die heutigen ähnlich vergänglich sind. Diese Stadt, diese Menschen, sie sperren sich immer weiter ein. Dächer gegen Nacht und Regen verstehe ich. Doch diese abstrus hohen Mauern jenseits ihrer Hütten und Häuser und Paläste, diese Mauern der Stadt gegen die Welt… und inzwischen sperren sie sogar den Boden unter sich fort. Es wird immer enger dort drinnen.“

Agnellina hielt bei einer Tanne an und griff nach den stacheligen Zweigen.

„Die duften toll. Und du erinnerst dich, wir haben sie im Dach benutzt. Das ist Tanne. Du kannst sie leicht unterscheiden, die Nadeln sind wie ein Kamm und gar nicht rundherum. Es sind stolze Bäume. Alles an ihnen reckt sich nach oben. Die Nadeln, die Zapfen… Sie sind die Lieblinge vieler Holzmännlein. Ich habe sie noch nie gesehen, aber neben den Tieren und Pflanzen leben wohl in jedem Wald auch einige Waldgeister, welche sich um diese kümmern. Vielleicht ists auch nur eine Geschichte, vielleicht ists wahr. Aber so ein Waldgeist, eine Holzfrau, hat geflüstert und gezaubert, und deswegen ist bei den Tannen etwas anders. Du kannst im Wald gut harzige Fichtenzapfen finden und auch die Kienäpfel kennst du sicher. Bei den Tannen aber, da passiert etwas seltsames, wenn die Zapfen reifen.“

Agnellina hockte sich nieder und suchte in der Nadelstreu am Boden. Mit leuchtenden Augen und flinken Fingern schob sie alte braune Nadeln beiseite und sammelte ebenso braune kleine Schuppen in ihrer Hand.

„Es ist reichlich lange her, da lebte in einem Wald voller Tannen ein kleiner Waldgnom, der Radice dell‘orrore geheißen wurde. Er neckte liebend gern die Menschen und richtete allerlei Unheil an. So löste er Splinte aus Axtköpfen, zernagte die Seile von Schlingfallen und zerriss Riemen von Kiepe und Reff. Da sich jedoch nur sehr selten ein Mensch in diese Gegend, in welcher er hauste, verirrte, fand er kaum Gelegenheit, jemanden zu ärgern und seine bösen Triebe in Taten umzusetzen. So suchte sich der Orrore ein anderes Opfer, um seinen Schabernack zu treiben. Er erkor sich das Holzweib aus. Natürlich wusste der Gnom, dass die Holzfrau die Tannen und die Eichhörnchen besonders liebte. All die Bosheit in ihm drin trieben ihn dazu, sich einen bösen Streich zu ihrem Schaden zu ersinnen.
So sammelte er zunächst alle Tannenzapfen vom Boden auf und schleppte sie in seine Höhle.“

Agnellina zeigte der kleinen Malkavianerin die Schuppen der zerfallenen Tannenzapfen, die sie aus der Nadelstreu gelesen hatte. Sie strich mit der linken Hand den Boden etwas glatt, indem sie Ästchen und Nadeln beiseite schob und legte die Samen auf die freie Fläche. Dann deutete sie Angelique an etwas zurückzuweichen und still zu halten. Sie selbst nahm ebenso etwas Abstand ein. Anschließend öffnete sie ihre Lippen zu einer Winzigkeit und zog Luft durch die kleine Lücke zwischen ihren Schneidezähnen und der Unterlippe ein. Ein zwitscherndes, fiepsendes Geräusch erklang. Es war gar nicht laut, aber es war recht durchdringend, sodass sich das Fiepsen ein ganzes Stück in die Nacht hinein trug.

„Radice dell‘orrore verwandelte die gesammelten Tannenzapfen in Mäuse. Dann befahl der Gnom den Mäusen, alle reifen Tannenzapfen zu holen und in den Bau zu schleppen. Da der Orrore der Herrscher über das Leben im Boden war und die Mäuse Angst vor seiner Macht hatten, führten sie seinen Befehl sehr gewissenhaft aus.“

Tatsächlich dauerte es nicht lange, und es huschte im Unterholz. Kleine Knopfaugen und bebende spitze Näschen von kleinen Waldmäusen waren zu entdecken. Die Tiere witterten unruhig. Wie viele mochten es sein? Hier eine, dort eine. Dort vielleicht zwei. Es war schwer auszumachen. Winzige Waldmäuse, die Farbe ihres Fellchens versteckte sie wunderbar in Nacht und Unterholz. Eine Unruhe brauchten sie mit, zufällig erschienen oder neugierig der rufenden Lockung der Gangrel erlegen. Agnellina reagierte weder überrascht noch entzückt auf das Erscheinen der kleinen Nagetiere. Sie verharrte in ihrer Haltung und ihre ruhig Stimme spann die Geschichte weiter. Ihre Augen fixierten die ankommenden Tiere, doch sie rührte sich nicht.

„Das Heer der Mäuse zog aus und sammelte jeden reifen Tannenzapfen ein, den es finden konnte. Gemeinsam schleppten sie Zapfen für Zapfen in den Bau. Mit jedem Tannenzapfen wuchs ihre Zahl. Weiter und weiter zogen sie und unter jeder Tanne raschelte und trippelte es.

Das Holzweib sah und erkannte den Schaden bald. Sie suchte Hilfe gegen die Mäuseplage. Ihrer Bitte kamen die Käuze und die Eulen des Waldes nach und auch so mancher Fuchs sprang ihr zur Seite.“

Agnellina hielt kurz inne im Erzählen. Sie sah den Mäusen zu, die teils in Deckung blieben, teils vorwitzig nach den hingestreuten Samen liefen. Die bebenden Nasen unter den großen Knopfaugen witterten beständig nach der Gefahr.
Es ging ohne ein Anzeichen her, dass sie ganz plötzlich einen Satz machte, sich abdrückte und mit einem Sprung auf die Mäuse hernieder ging. Es ging leise und flüssig wie bei einem Fuchs im hohem Gras vonstatten. Das Huschen rings umher drehte sofort seine Richtung zur Flucht, doch zwei vorwitzige Mäuse endeten rechts und links in den schwarz befellten Händen der Gangrel. Die Beutetierenüberkam ein schneller, gnädiger Tod, brachen die Daumen ihnen noch im Zugreifen die kleinen Genicke.

„Dennoch schafften sie es nicht, alle Mäuse zu vertilgen. Mehr und immer mehr Tannenzapfen verwandelte der Waldgnom in gefräßige Mäuse. Dadurch gab es kaum noch reife Zapfen. Nur noch wenige kleine Tannen wuchsen auf und die Eichhörnchen hatten dadurch im Winter nicht mehr genug Nahrung.
Das Holzweib war äußerst traurig und wütend darüber. Da sie keine Macht über die Mäuse hatte und auch all die gefälligen Tiere nicht helfen konnte, sann sie nun ihrerseits nach einer List, um den Tannen und den geliebten Eichhörnchen zu helfen. Sie sprach zu den Bäumen und empfahl ihnen, ihre reifen Zapfen nicht mehr abzuwerfen. Sie sollten sie stattdessen aufrecht wachsen lassen. Sobald sie gereift seien, sollten sie sie sofort zerfallen lassen, statt sie im Ganzen abzuwerfen. So würden nur die kleinen Samen in ihrer Vielzahl die Erde erreichen. Und klug und gut, so geschah es. Die Mäuse fanden keine reifen Tannenzapfen mehr, die sie aufsammeln konnten. Sie versuchten zwar die einzelnen Samen zu fressen, doch das war so mühsam wie gedacht und sie fanden längst nicht alle. Nun blieb wieder genug für die Eichhörnchen übrig und es konnten auch wieder neue Tannen wachsen.
Der Orrore wurde schrecklich wütend, als er seine Niederlage fühlte. Mit lautem Getöse verschwand er im Waldboden, woraufhin im Wald Ruhe und Friedlichkeit einkehrte. Er sinnt seither über neues Unheil, doch der Waldboden kühlt seinen Zorn und macht ihn schläfrig. Daher solltest du dich immer hüten und genau schauen, wo du die Decke des Bodens hebst, um nicht Radice dell‘orrore aus seinem grimmigen Schlummer zu reißen.“

Ihre Stimme beendete die kleine Geschichte mit dieser unterschwelligen Warnung. Dann streckte sich ihre linke Hand zu Angelique aus und hielt ihr auf der Handfläche das erlegte Mäuschen hin. Das gräuliche Fell des Tieres hob sich gegen den schwärzlichen, kurzen Pelz in der Handfläche der Gangrel deutlich ab. Die Maus in der rechten führte sie sich selbst zum Mund und schlug ihre Zähne in den kleinen, pelzigen Leib. Schwerlich etwas zum Sättigen in diesen winzigen Leiber und gewiss waren Mäuse keine schmackhafte Beute für jemanden, der gewohnt war, warmes Blut aus menschlichen Adern zu nehmen.

„Willst du zurück oder noch etwas für den Durst suchen?“

Spoiler!
Mäuse locken => 2 Erfolge
🐺 Agnellina (Xavi) Request: `[5d10]` Roll: `[9, 7, 4, 3, 2]` Result: `25`

Mäuse fangen => 2 Erfolge
🐺 Agnellina (Xavi) Request: `[6d10]` Roll: `[9, 6, 5, 3, 3, 3]` Result: `29`
Benutzeravatar
Angelique
Autarkis
Beiträge: 4685
Registriert: Fr 22. Jan 2016, 14:50

Re: [1093] Von Fährten und Familien [Agnellina, Angelique]

Beitrag von Angelique »

Angelique schniefte und rote Tränen kullerten über ihre Kinderwangen. "Die armen Tiere! Ich hoffe, du hast ihnen nicht etwas vorgemacht, als du mit ihnen geredet hast! Nein, bitte, keine weiteren Mäuslein für diesen Zweck rufen! Ich bin satt genug.

Angelique schluchzte auch noch, als sie von dem Kadaver trank. "Es soll nicht umsonst gestorben sein. Aber es bricht mir das nicht schlagende Herz. Ich trinke normalerweise nur von denen, die es verdient haben, musst du wissen.
Aber ich kann auch nicht ihren Tod umsonst gewesen sein lassen."

Sie fasste sich aber wieder etwas: "Ich wünschte, ich könnte das auch. Mit Tieren reden, meine ich."

Sie schüttelte sich und versuchte, den Moment der Schwäche zu überspielen, indem sie das Thema wechselte: "Ja, die Pässe über die Alpen sind sehr gefährlich. Mühsam und keine Beute und immer kann das Wetter umschlagen. Und manche sagen, dort würden die Loup Garou herrschen wie in meiner Heimat im Massif Central. Und die würden uns jagen, wenn wir den Weg wagen.

Ich reise lieber ein paar Stunden mit dem Schiff an ihnen vorbei. Sehr viel schlauer, kürzer und bequemer."

Sie lächelte wieder und bettete die tote Maus ins Gras.
"Es ist immer gut, die Fae nicht zu stören. Ihre Magie ist unserer weit überlegen und sich in der Anderswelt zu verlieren oder durch Illusion den Sonnenaufgang zu verpassen, weil man sie erzürnt, kann auch uns vernichten."
"I'm a mighty thesaurus! Rawr!"
Benutzeravatar
Agnellina
Gangrel
Beiträge: 521
Registriert: Mi 2. Aug 2023, 22:00

Re: [1093] Von Fährten und Familien [Agnellina, Angelique]

Beitrag von Agnellina »

Überraschung gefolgt von tiefer Irritation zeichnete sich in Agnellinas Gesicht ab.
„Ich… ich hab nicht…“, stotterte sie aus dem Tritt gebracht. Sie wich ein Stück zurück, das Mäuseblut noch auf den Zähnen. „Du weinst.“, stellte sie dann fest. Für Verurteilung oder Häme fehlte es ihr an Hochmut. Es klang nach einer Feststellung, die sie für sich selbst traf, ohne dass sie bereits einordnete, was das bedeuteten mochte.

So folgte sie zunächst willig Angeliques Gedanken zu den Gefahren der Gipfel und den Lupo Mannaro.

„Meinst du, die gibt es wirklich?“, fragte sie unsicher.

Die Glaubenswelt dieser Gangrel war etwas eigenwillig gestrickt. Unzweifelhaft war sie mit verschiedenen Geschichten vertraut. Sie war zugänglich für diese Welt der Überlieferungen und alten Lehren und schien kaum Schwierigkeiten zu haben, einen geistigen Spagat zwischen christlicher Sicht und heidnischen Erklärungen der Welt zu machen. Tatsächliche Waldgeister und Gnome würden den jungen Vampir wohl wenig überraschen. Dafür schien sie sich nur zu gern an diese kleinen Regenbogen der Hoffnung aus allen möglichen Geschichten zu klammern, die ihr die düstere Welt der Untoten erträglich oder begreifbar machte. Aber das machtvolle Volk der Werwesen als Wirklichkeit anzuerkennen - ausgerechnet hier wollte die junge Gangrel eine Grenze ziehen und es als Schauergeschichten für Welpen verstanden wissen.

„Auf ein Schiff wagst du dich?“
Unruhig trat sie auf der Stelle.
„Wenn der Hunger dich dort quält? Wenn die rote Wut dich packt? So nah den Menschen kommen? Und wenn… wohin auf dem Wasser? Das Meer ist keine flache Mulde zum Baden. Ich… kann nicht gut schwimmen. Der Tag kommt schnell und das Wasser ist tückisch. Und dein Bruder sagt, es gibt einen nicht wieder her.“

Nachdem sie sich durch Beobachtung versichert hatte, dass Angelique die Beute freigegeben hatte, kam sie heran. Sie hob die kleine Maus auf, die Angelique ins Gras gelegt hatte und steckte den blutleeren Kadaver ebenso ein wie den ihrer selbst leergesaugten Maus.

Mit Angeliques Erklärungen dazu war sie noch nicht fertig. „Sie müssen es sich verdienen?“
Benutzeravatar
Angelique
Autarkis
Beiträge: 4685
Registriert: Fr 22. Jan 2016, 14:50

Re: [1093] Von Fährten und Familien [Agnellina, Angelique]

Beitrag von Angelique »

"Oh, ja, die Werwölfe gibt es. Ich selbst sah einen von ihnen vor langer Zeit und er wandelte unter Menschen wie wir. Unerkannt und die Mächtigen manipulierend. Seine Aura war wie so hell wie der Mond und so lebendig wie nichts, was ich seitdem sah.
Eine menschgewordene Naturgewalt, die selbst mächtige Krieger wie Brimir zerfleischen würde.

Seitdem sah ich aber nie wieder einen und es war auch auf dem Lande, fern der Städte. Ich dachte, ihr Gangrel würdet mehr über sie wissen. Brimir kannte jedenfalls manch Geschichte über sie. Über Krieger, die sich in Bären und Wölfe verwandelten und beim vollends geöffneten Auge Malkavs in seinem Wahn wüteten wie ein Brujah, dem die Ehre abgesprochen wurde."

Sie lächelte melancholisch. "Aber sie sind wohl so selten geworden wie die Fae und die nromalen Wölfe und Bären. Vielleicht ist etwas daran, dass die Städte der Menschen die Alte Welt zerstören und ihren Zauber durch etwas Banales ersetzen.
Vielleicht werden auch wir eines fernen Tages nur noch Märchen sein und nur noch Kinder erschrecken sich vor unserer bösen Macht.
Das wäre eine schöne Welt, nicht wahr?"

Ihre Laune hellte sich auf: "Ja, all das, was du über Seefahrt sagst, ist wahr. Es ist gefährlich und mühsam. Aber auch für die Menschen. Und doch wagen sie sich hinaus ins Abenteuer! Es ist ein Gefühl, das ich sehr vermisse, seit ich hier festgenagelt bin durch den Autarkisstatus."

Was die Jagd anging, nickte Angelique: "Ja, sie müssen es sich verdienen, von mir geschwächt oder gar getötet zu werden. Jemand muss verkommen sein, dass er einen Besuch von uns verdient. So wie die kranken Tiere von den Raubtieren geschlagen werden und die Herde gesund bleibt.
Ein Mensch, der mich als Opfer sieht und mir Leid antun will, hat diese Bedingung erfüllt."
"I'm a mighty thesaurus! Rawr!"
Benutzeravatar
Agnellina
Gangrel
Beiträge: 521
Registriert: Mi 2. Aug 2023, 22:00

Re: [1093] Von Fährten und Familien [Agnellina, Angelique]

Beitrag von Agnellina »

Gebannt hing sie ihr an den Lippen und lauschte den Erfahrungen, ohne sie in Frage zu stellen. Agnellina nahm ungefiltert auf. Sie legte fragend den Kopf schief, als Angelique das Auge Malkavs erwähnte. Die braunen Augen der Gangrel huschten über das Gesicht des Mondkindes, streiften scheu die Augen, ohne es zu wagen wirklich Blickkontakt aufzunehmen.

„Ich möchte kein Märchen und kein Schrecken sein. Ich weiß, dass sie mich nicht ahnen dürfen. Aber böse… hältst du mich für böse? Ich unterscheide nicht. Das kann ich nicht. Nicht Strafe und nicht Fluch, nichts davon bin ich und soll ich sein. Es führt zu dunklen Gedanken und schlechten Entscheidungen, wenn man diesem Weg folgt.“, öffnete Agnellina sich ein bisschen und versuchte verständlich zu machen, was ihr gewiesen wurde.

Wieder war großes Zögern und Unsicherheit spürbar. Die Gangrel klopfte widerwillig und zugleich getrieben ab, was ihr durch den Kopf ging.
„Dein… Status… das ist eine Strafe. Ich… du bist… lange hier, nicht wahr? Kennst so viele. Hast so viele gesehen. Hast die Zeit gesehen. Wie… woran… wie lange… was musst…“
Sie fand keinen Punkt, um in Worte zu kleiden, was sie wissen wollte. Frustriert schnaufte sie die Luft aus.
Dann schwieg sie eine Weile.
Schließlich ging ein Ruck durch ihren Körper und sie hob den Kopf. Ihre Schultern zogen sich zurück, die ganze Haltung gewann an Spannung.

„Komm. Komm weiter.“ Die Füße machten Schritte, die Richtung war gleichgültig. Hauptsache weiter, laufen.
Mit den Füßen kam der Kopf besser in Bewegung.
„Erzähl mir von den Schiffen.“, bat sie und suchte dadurch wieder sicheres Gebiet. „Wie machst du das? Dass die Menschen dich mitnehmen. Dass sie dir nichts tun. Dass du ihnen nichts tust. Dass du dorthin kommst, wohin du willst. Woher weißt du überhaupt, wohin sie fahren?“
Benutzeravatar
Angelique
Autarkis
Beiträge: 4685
Registriert: Fr 22. Jan 2016, 14:50

Re: [1093] Von Fährten und Familien [Agnellina, Angelique]

Beitrag von Angelique »

"Nicht ich habe zu entscheiden, was gut oder böse ist, sondern die Menschen. Und für die Menschen sind wir böse. Wir manipulieren und herrschen sogar über sie, obwohl wir als Tote aus ihrer Gemeinschaft ausgeschlossen sind.
Wir verstoßen gegen das Gebot, kein Blut zu verzehren, da in ihm die Seele ist. Und häufig genug töten wir sie.
Rein vom Standpunkt der Menschen also sind wir böse, allein durch unsere Existenz als ihre Raubtiere. Die kleinen Mäuse von vorhin würden den Fuchs auch als böse betrachten, wenn sie vom Baum der Erkenntnis gekostet hätten wie die Menschen."

Angelique seufzte. "Der Status ist kompliziert. Er ist auch ein Schutz durch Aurore. Eine Schutzhaft sozusagen. Der einzige Weg, da rauszukommen, wäre den Namen zu ändern und weit fortzugehen, wohin das Netzwerk der italischen und fränkischen Untoten nicht reicht. Aber das wäre sehr weit."

Sie lief brav mit. "Das ist einfach. Ich besitze die Schiffe und befehle, wohin sie fahren. Und in der Regel bin ich in einer Kiste unter sehr vielen Kisten des Tags. Zumeist gehen die Reisen auch entlang der Küste und jede Nacht kann ich an Land umher geistern.
Für eine wirklich lange Fahrt über offene See, sollte ich wirklich hier fortgehen, würde ich mich pflocken lassen. Aber noch ist es nicht soweit."
"I'm a mighty thesaurus! Rawr!"
Benutzeravatar
Agnellina
Gangrel
Beiträge: 521
Registriert: Mi 2. Aug 2023, 22:00

Re: [1093] Von Fährten und Familien [Agnellina, Angelique]

Beitrag von Agnellina »

„Bei den Tieren ist es viel einfacher. Kein gut, kein böse. Kein Gott, kein richtig und falsch. Einfach nur leben. Nur nehmen, was sie brauchen. Da ist nichts böse. Es gibt ja und es gibt nein. Sie leben einfach. Sie stillen ihren Hunger ohne Unterschied.“
Ihr Blick verlor den Fokus, sah durch Angelique hindurch und die Klarheit ging verloren, für wen ihre Worte eigentlich bestimmt waren.
„Alles jagt ohne Unterschied. Wer Unterschiede macht, erhebt sich. Wer sich erhebt, wird tief fallen.“

Ihr Blick, als Angelique von einer Kiste erzählte, zeugte von Schauer. Die Vorstellung schien unheimlich und von Unwohlsein behaftet zu sein. Noch größer wurden ihre Augen, als sie das Pflocken erwähnte.
„Du würdest…“
Von ihrer Nackenmuskulatur ausgehend lief ein zitterndes Schaudern über ihren Oberkörper. Sie rollte die Schultern vor und zog den Kopf ein.
Dann schüttelte sie den Kopf.

Unvermittelt stoppte sie im Laufen und blieb so stehen, dass auch Angelique innehalten musste.
„Oh, Hände.“, sagte sie ohne Überleitung. „Hände, Leib.“
Ihre Finger winkten auffordernd und deuteten auf Angeliques Hände, die sie zu untersuchen trachtete.
In einer nicht ganz unauffälligen Bewegung maß sie auch deren Körperhöhe, ob das Mondkind nicht vielleicht doch ein Stück gewachsen war.

„Hast du noch Fragen für heute?“
Benutzeravatar
Angelique
Autarkis
Beiträge: 4685
Registriert: Fr 22. Jan 2016, 14:50

Re: [1093] Von Fährten und Familien [Agnellina, Angelique]

Beitrag von Angelique »

Sie streckte ihre Hände aus für die Untersuchung.

"Das mit den Tieren vermutete ich. Sie haben nicht vom Baum der Erkenntnis gegessen und leben im Jetzt. Schön, dass du mir das bestätigst.
Das ist eine wichtige Erkenntnis für mich."

Das seltsame Gebaren der Gangrel irritierte sie nicht. Seltsames Gebaren war eine malkavianische Grundlage und völlig normal für sie.

Dennoch war es, als träfe der Blitz sie. Sie echote: "Wer Unterschiede macht, erhebt sich. Wer sich erhebt, wird tief fallen.“

Sie nickte abwesend bei diesem nahezu prophetischen Aphorismus. "Vielleicht war das mein Fehler? Ich muss darüber nachdenken!
Vielleicht bin ich die mit der Hybris und nicht die anderen!"

Angelique lachte hell und weniger melancholisch. "Nein, du hast mich viel gelehrt und ich habe heute keine Fragen mehr."
"I'm a mighty thesaurus! Rawr!"
Antworten

Zurück zu „Forenspiele“