—1—
Untermalung
Giada sah diesen Mann an, den sie auch mit verhülltem Gesicht unter tausend anderen wiedererkannt hätte. Sie lauschte seinen Worten, weil sie seit einem Jahrhundert diesem leisen Flüstern lauschte, weil sie seit einem Jahrhundert unter diesem blinden, bleichen Blick gemessen und bewertet wurde.
Um zu verstehen, was hier geschah, musste man verstehen, wer er war. Und wer sie war. In Genua, jener nun unendlich weit entfernten Enklave am Meer, so gerade eben an der Grenze zur Freiheit, kannte man sie als eine der Spielfiguren des brillianten Feldherrn und Strategen, Totila. Totila, der bereits im Leben ein König gewesen war. Totila, der das große Rom geschliffen hatte. Totila, der seit so vielen Jahrhunderten Mailand mit Eiserner Faust regierte. Und Giada hatte alles getan, um diesen Eindruck zu erwecken, in eiserner Faust, Mailands Farben und Stolz. Und sie hatten es geglaubt. Sie hatte es selbst geglaubt, denn die besten Lügen in dieser Welt sind wahr.
Die wenigen, die mit etwas feinerem Gehör auf die aufgesagte Ahnenlinie der sonst kaum wichtigen Neugeborenen hörten, würden vielleicht noch aufmerken. Giada war nicht Totilas Kind. Dazwischen stand eine andere, Noellina. Der Name klang unscheinbar. Eine bleiche Nonne ohne großen Anschein. Doch wer genau hinhörte, der hörte auch das Wort, das oft zu ihrem Namen aufgeführt wurde, der hörte jenes
’Santa’ Noellina. Wer wusste, was dies für Kreaturen sein mochten, die unter den Verdammten in der Nacht “Heilige” genannt wurden, der glaubte nicht länger an Unscheinbarkeit. Es hieß, der Ketzer in Mailand höchstselbst habe diese Heilige benannt. Und wem dieser Name des Ketzers etwas sagte, der ahnte, wie tief diese Verflechtungen gehen mochten und wie schrecklich die Begebenheiten sein mussten, die sich dahinter verbargen.
Und auch Noellinas Erbe hatte Giada nach außen getragen, mit dem Rosenkranz, mit dem Kreuz, mit den regelmäßigen Besuchen in der Kirche, mit dem kainitischen Beichtvater Macario, den reichen Spenden, den Worten von Gottesfurcht und Ehrfurcht. Gerade jetzt, in diesem Augenblick, baumelte eben dieser Rosenkranz von ihrer Faust, beinahe vergessen neben den gewisperten Worten des Mannes vor ihr.
Der Mann, der nun seine Worte wie ein glühendes Eisen in die verwobenen Gespinste ihrer Gedanken stieß, war nicht ihr Erzeuger. Er war ihr
Meister. Er war es, der Giada geformt hatte und formte. Der sie kannte wie kein anderer und den sie kannte wie keinen anderen. Sie hatte ihn gehasst und geliebt, gefürchtet und verehrt. Sie tat es noch immer.
Dies war Himerius, der Lügner. Er war der Seneschall von Mailand, die rechte Hand des Fürsten Totila, die Spinne in dem verwobenen Netz von Giadas Existenz. Und ja, er war ein Meister der Lüge. Zu was machte das dann seine Schülerin? Was bedeutete es, wenn dieser Mann mit Befehlen, die sich wie eiserne Käfige um Giadas Verstand legten, ausgerechnet von allen Dingen in dieser Welt, die selbst nichts als eine Lüge war, die Wahrheit verlangte?
Sie wusste es. Sie würde ihm antworten, ohne Zögern, ohne Ende, ohne Zweifel. Als sie seinen Befehlen lauschte und sich die Worte in ihre geschundenen Gedanken brannten, wollte sie nichts mehr als ihm gehorchen. Sie öffnete ihren Mund und wusste kaum, wo sie beginnen sollte, drohte, über ihre eigenen Worte zu stolpern, die hervorsprudeln wollten.
”Sprich!”, befahl er und hob seinen dürren Finger und Giadas Verstand quoll über, ebenso wie ihr Herz. Denn in diesem Moment wusste sie, dass sie zwar hier um ihr Leben redete, doch nicht nur um ihres allein. Ja, sie wollte ihm alles geben, das er wünschte und für ihre Ohren und nach ihrem Wissen verlangte nach einer Waffe.
Und wenn diese Waffe aus ihrem Leib und Blut und gesamtem Dasein gemacht war, dann war dies nur gut und recht. Vielleicht floss nicht sein Blut in ihren Adern, doch er hatte sie geschaffen. Sie war ein Produkt seiner ganzen Kunst, eine in die Welt der Nacht geschriebene Lüge, die deshalb so meisterlich perfekt war, weil sie selbst diese Lüge und Wahrheit glaubte.
Sie hatte keinen Widerstand, sie zeigte kein Zögern. Sie wollte ihm alles geben, das er wünschte.
“Ja, Meister”, sagte sie, denn das waren die einzigen Worte, die ihre Antworten einleiten konnten.
—2—
“Meister, ich will Euch sagen, was ich verstanden habe. Was mein Versagen war und was nicht. Ich werde dazu weiter ausholen müssen, damit es nicht nur lose Worte ohne Zusammenhang und Sinn sind…”, begann sie. Sie versuchte, das Gewirr an Spinnfäden zu ordnen, all die Ebenen zu unterscheiden, einen Anfang zu finden, einen losen Faden, um zu ziehen.
“Was ich in diesem Raum erfahren habe, ist Erkenntnis. Und Scham. Und Versagen. Ich bin gefallen, Meister.” Sie deutete vage dorthin, wo sie vorhin noch gelegen hatte, in dem Versuch, ihren Körper wieder zu fühlen. “Doch ich bin nicht tiefer gefallen als auf den festen Grund, den Ihr und den mein höchst verehrter Lehnsherr mir gewährt.”
Das war ein Beginn, einer von Dutzenden. War er gut? Sie wusste es nicht. Es war ein Beginn.
“Ich habe erkannt, wie töricht ich einst war”, sagte sie dann. “Im Haus des hochverehrten Lydiadas habe ich mich hinreißen lassen zu …törichtem Stolz. Er spottete, ich empörte mich. Er wetzte seine Zunge an der Via Regalis, an allem. Ich war zu ihm gekommen, weil ich seine Fürsprache wollte, um in Genua zu bleiben, wo die Weiße Prinzessin mich kaum willkommen heißen oder auch nur dulden wollte. Er wollte dafür Spionage. Einfach genug, bis darauf, dass er weder Maß noch Grenzen kennen wollte, welche durch Eid und Wort gezogen wurden. So begann sein Spott gegen die Via Regalis und seine Herausforderungen und ich fiel darauf am Ende herein.”
“Später sagte er mir offen, was auch Ihr bereits längst wusstet, Meister: Dass er nichts anderes getan hat, als mich wie ein Werkzeug aus Euren Händen zu reißen. Heute glaube ich, dass ihm am Ende nicht wichtig ist, auf welchem Weg ich durch die Nacht gehe. Er hat daraus und aus meinem Stolz nur seinen Halt geformt, um zu zu packen.”
“Damals sprach ich von der Prüfung des Tores.” Sie deutete zu dem Tor. “Ich sagte ihm, dass mein Weg durch die Nacht selbst vor jenem Tor Bestand haben würde.” Beschämt senkte sie den Kopf.
“Seine Antwort damals ging so: Dass er alles von dem Besprochenen wolle. Meine Berichte. Meine Spionage. Die Prüfung des Tores. Sein Wort für mich in Genua, selbst gegen Aurores Wunsch. Sein Zeugnis vor dem Tor. Und wenn dies alles so kommen würde - und dies hat sich so ereignet und seinen Abschluss gefunden,
so wollte er sein Herz für die Belange Mailands eröffnen und über die vergangenen Unstimmigkeiten zwischen den meinen und ihm hinwegsehen.”
Giada hob langsam ihren Blick, um nach der Gestalt von Lydiadas zu suchen. Sie konnte die Schwärze der Kammer und die Schwärze in den Kapuzen durchdringen, vor allem aber kannte sie die zuckenden Schatten seiner Präsenz. Sie kannte seine Gestalt, seine Haltung und seine Art und so glitt ihr Blick von einem zum nächsten bis sie ihn gefunden hatte.
“Ich wollte nicht einsehen, wie töricht und stolz ich gewesen war. Ich wollte, dass es etwas wert gewesen ist, dass der hoch verehrte Lydiadas sich wahrhaftig an diese Worte hält. Und bis heute Nacht hat er dies getan. Und ich habe dies ebenso getan, bis hierher, bis vor das Tor. Doch… .”
Nun sah sie zurück zu Himerius. “...natürlich warnte er mich, dass dies, hier, mein Ende sein würde, wenn ich versage. Und hätte der Ritus nicht hier stattgefunden, vielleicht hätte er mich tatsächlich ‘gerettet’ und ich wäre ihm in der tiefsten Schuld verpflichtet gewesen. Doch, Meister, ich wollte dies nicht. Dies ist, was er nicht begreift: Ich wusste und ich weiß, dass Ihr mich richten werdet, wenn ich zerbreche und in den Abgrund falle. Und ich wusste und weiß, dass dies recht ist. Es ist ein unbarmherzig fester Grund, jene Via Tyrannis. Und er bricht nicht ein, so glaubte ich.”
Giada begann, den Faden zu verlieren, den sie anfangs noch so fest in den Händen gehalten hatte. Sie versuchte, nach zu greifen und sich zu erinnern. Himerius’ Lehren waren wahr. Sie waren alle gelogen. Nichts war wahr. Alles war wahr.
“Also lehnte ich ab. Hierher führte mich mein Weg. Ich kann nicht sagen, dass ich keine Angst hatte. Doch ich ging trotzdem. Es war allein meine Schuld, mein Stolz, meine Torheit, meine Schwäche.”
“All dies ist wichtig, um zu verstehen, was ich sah und was ich erfuhr und was ich erkannte. Denn der Spiegel zeigte mir den Abgrund. Und er zeigte mir, was wir tun. Was Ihr tut, Meister. Jahrhundert um Jahrhundert, endlos verstrickt in Geflechte der Macht, um winzige Handbreite an Erfolgen, dann Rückschläge, und von vorn, bis das Gewicht der Bitteren Erinnerung zu schwer lastet, all die Fäden keine Bewegung mehr erlauben. Wohin führt es, fragte ich mich. Wohin führt es… .”
Erneut sah sich Giada um, dieses Mal auf der Suche nach der Gestalt ihrer Erzeugerin, auf der Suche nach Noellina.
“Es ist dieselbe Frage,
die meine verehrte Erzeugerin mir gab”, flüsterte sie und schämte sich, dass sie es so aussprach. Es fühlte sich an wie ein Verrat an Noellina, doch sie hätte die Worte nicht aufhalten können. Himerius’ glühender Befehl peitschte sie voran und voran, also hetzte sie weiter, Wort für Wort für Wort. Es war wahr, dass Noellina ihr den anderen Weg gezeigt hatte und was sie tun musste, um den alten zu brechen:
“Meister, ich bin gefallen, vor jenem Tor. Nein, vorher schon begann mein Fall. Dort, in der Finsternis, bin ich nur zerbrochen. Ich habe.. Ich habe den Rat meiner verehrten Erzeugerin befolgt, aus Angst, aus Verzweiflung, aus Hoffnung. Ich habe… mein Wort gebrochen. Ich habe meine Zweifel und meine Schwächen gezeigt. Stück für Stück habe ich die Tyrannenfaust aufgebogen. Ich bin gefallen, weil ich ahnte, dass sie recht hat: Am Ende aller Dinge, wenn diese Welt zerbricht und wir alle vor dem letzten Gericht stehen, was nützen uns dann Jahrhunderte des Ränkespiels? Was nützen uns Jahrhunderte der Gewalt und Herrschaft? Was nützt uns all dies, wenn wir vor Gott und dem Letzten Gericht stehen, Meister? Wenn der Herr Jesus Christus als Richter auf uns blickt und alle unsere Taten und Untaten sieht. Ich bin… ich… .”
Sie legte die Hände um den Rosenkranz, den sie um ihr Handgelenk geschlungen und halb unter den Ärmeln ihrer Robe verborgen trug. Diese Hände zitterten. Nein, Giada wollte nicht sterben und sie rief in sich empor, was sie in diesen Rosenkranz gewoben hatte.
“Meister… ich bin gefallen. Sehenden Auges, weil ich wusste, dass … ich wusste, dass der Weg der Eisernen Faust keinen Bestand haben kann. Ich sah es doch!”
Beschwörend hob sie langsam die Hände.
“Doch ich habe dort im Tor gesehen, dass Gott diese Welt geschaffen hat. Mit dem Ersten Licht hob Er sie aus der Finsternis. Und Seine Schöpfung ist Anathema für Chaos und Finsternis, denn Sein Werk ist Seine Ordnung aller Dinge. Meister, ich bin im Tor zerbrochen, doch ich habe die Wahrheit geschaut und verstanden.”
“Im Tor habe ich Dinge gesehen, die mir den Verstand aufzehren wollten und vielleicht auch haben, denn wie kann irgendeine gefeit sein gegen die Brandung aus wogender Finsternis? Ich sah dicht gedrängte Schemen des Seins, ineinander verkeilte Möglichkeiten. Ich sah Landschaften, die unmöglich sind, die kein Maß und keine Zeit kennen, doch sich ineinander entfalten, ohne… .” Sie brach ab und konnte nicht die Worte für das finden, was sie gesehen hatte. “Ich sah Schlangen aus gebogenen Schuppen, in schwarzen Windungen aus grauem Eis und Schlamm, doch nichts dort kennt Kälte oder Wärme oder Härte oder Nass. Klauen wie Blüten auf Feldern der Ernte, in welchen die Idee von Gebeinen blühte, als Himmel über einem Meer von Nägeln, allesamt bereit für jenen ersten Hammerschlag…” Hier brach Giadas Stimme schlichtweg, als die Erinnerungen über sie hinwegbrandeten und sie davonzuspülen drohten.
"Was ich vom Abgrund halte…”, sagte sie und eine Haaresbreite unter ihrem Tonfall kratzte und tanzte ein beinahe irres Kichern, dann ein ersticktes Schluchzen, als sie erneut Atem schöpfte für all die Worte, so viele Worte, die alle herbrechen wollten wie eine alles wegreißende Flut.
“Keine Worte”, sagte sie, “können beschreiben, was das ist. Ich bin ein Ding aus Blut und Fleisch und Stoffen dieser Welt. Ich bin geboren aus der Ordnung, die Gott uns schuf. Ein zweites Mal wurde ich geboren in den Fluch Gottes und meine Hände, meine Worte, sogar mein Verstand und meine Worte sind aus Dingen dieser Welt gemacht. All das, was ich bin, ist Negierung von dem, was dort ist, ist Negierung von dem, was hier ist. Es kann nicht zugleich sein, ich kann nicht.. Zugleich.. es. ..!” Zu viele Worte und sie hatte selbst noch nicht verstanden. Vielleicht würde sie in ein paar Tagen, Wochen, Monaten, Jahren oder Jahrhunderten.
“Es liegt mir im Blut. Uns. Es gab einen Pakt. Und dieser Pakt war nicht aus Schwäche geboren. Ich werde nicht mein eigenes Blut verdammen und nicht die Pakte meiner Ältesten. Ich soll Vater und Mutter ehren, ich soll ihr Wort ehren und meines. Und all mein Wissen will ich dafür gebrauchen und heute.. Gestern.. Jede Nacht in der Finsternis lerne ich. Doch wenn mein Körper, mein Sein ganz durchsetzt wäre, so würden sie enden. Anathema.”
“Ich sah zu viel, um es zu begreifen, doch ich verstand dies: Das Gott sprach: ‘Es werde Licht’ und es ward Licht.” Ihre Stimme brach an dieser Stelle und verzweifelt suchte sie nach den richtigen Worten.
Es war Himerius’ Befehl, der sie aufrecht hielt. Ihre Gedanken hingen in den eisernen Stäben des Käfigs seiner Worte und sie musste sprechen und sprechen und sprechen, also sprach sie und entleerte
“Meister, ich bin gefallen. Doch ich konnte nicht tiefer fallen als in Gottes geöffnete Hand.” Und das war die absolute Wahrheit, denn sie war eine Kreatur dieser Welt und stand in dieser Welt, die Gottes Schöpfung war und wohin sie auch fiel, es würde hier sein. “Ich konnte nicht tiefer fallen als auf den harten Grund dieser Kammer.” Und auch das war wahr und so gekommen. “Ich ahne, dass Ihr mir nicht verzeihen könnt.” Eine schreckliche Wahrheit, die sie um ihr Leben fürchten ließ. “Ich ahne, dass ich in Euren Augen versagt habe!” Bitterkeit, Furcht und Schmerz tränkten Giadas Stimme und ließen sie brüchig und dunkel werden.
“Ich habe Gott gefunden”, wisperte sie und schlug die Hände vor ihr Gesicht. “Ich habe Gott gefunden. Ich habe GOTT gefunden… !” Und auch das war wahr und nichts war elender und trauriger als das. Es hatte ihr das Herz gebrochen.
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Manipulation + Ausflüchte (Spezi: Pfad vortäuschen) + um 2 erleichterter Wurf
durch Hexenritual: 6 4 5 10 8 7 3 5 → 8 Erfolge um den Pfad der Himmel vorzutäuschen.
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…und trotzdem konnte sie nicht aufhören zu sprechen. Weiter und weiter und weiter quollen die Worte aus ihr heraus und mit ihnen die Wahrheiten, die sie kannte:
“Meister, ich wage nicht, Euch um Vergebung zu bitten. All dies ist meine Schuld und meine Torheit und meine Scham. Doch es ist auch meine Erkenntnis, so bitter und schmerzhaft erkauft, dass ich es nicht fassen kann.” Sie senkte den Blick und bekreuzigte sich hilflos. Ihr Finger suchten halt an den Perlen des Rosenkranzes, klick, klick, klick.
“Doch ich kann nicht trauern. Ich will kämpfen, Meister. Ich will für unser Blut kämpfen, für unsere Pflicht, für das Bollwerk, das wir bilden.”
Sie wagte nicht, auf ihn zu zeigen, wollte nicht auf ihn zeigen, doch auch das war die Wahrheit und er hatte es befohlen, also zeigte sie auf Himerius selbst:
“Ihr werdet zu alt, Meister. Alter Groll und alte Weisen und alte Lasten beschweren jeden Eurer Schritte. Und wir verlieren. Handbreit um Handbreit um Handbreit wird der Boden der Lombardei uns abgetrotzt. Wir fallen, einer nach dem anderen. Wir führen einen Abwehrkampf, doch es sind nicht einmal wir selbst, was wir zuvorderst verteidigen. Wir errichten ein Bollwerk für Turin und wenn wir es aus unseren eigenen toten Leibern errichten müssen. Darum fallen wir, weil eine Verteidigung dieser Art nicht gelingen kann und weil Ihr unversöhnlich seid. Solche wie Lydiadas kommen.”
“Solche wie er, die nicht wissen, welche Preise wir zahlen und weshalb. Er, der nur glaubt, wir hüten einen hübschen Hort, einen Quell der Macht, um ihn auszusaufen und daran zu genesen. Lydiadas, so habt ihr einst gesagt, ist nichts als ein abgehalfterter Meuchelmörder und er selbst gab mir gegenüber doch zu, dass hinter ihm nur eine Spur aus den gebrochenen Leichen seiner Gefolgsleute liegt. Er ist kein Anführer und darum ist er auch kein Prinz oder Fürst von Genua geworden. Er blieb dort stecken, auf halbem Wege, mit einem halbem Erfolg und halbiertem Ansehen.”
Giadas Blick suchte wieder jene Gestalt dieses ‘abgehalfterten Meuchelmörder’. Sie fürchtete um ihr Leben, doch sie konnte nicht schweigen und sie musste sprechen. “Kein einziger von denen, die er in seine Dienste zwingen muss, folgt ihm gern. Kein einziger folgt ihm aus vollem Herzen und sie alle lügen ihn an. Er webt kunstlose Intrigen für Neugeborene. Er verschwendet seine Kraft an Angelegenheiten wie die meine, wo er sich gegen seinen eigenen Clan, unser Blut, wendet anstatt eine geeinte Front zu wagen.”
“Gemeinsam könnten wir die Tedesci vertreiben. Wir könnten sie vor uns her treiben und aus unserem Land verjagen! Doch er verschwendet sich damit, das eigene Blut zu schwächen. Er heißt UNS eine mörderische Brut, er spuckt seine Worte auf den Zirkel der Bitteren Erinnerung. Doch weil er dort feststeckt, in Genua, greift er hilflos und haltlos nach allem um sich her, was ihm vielleicht eine Hilfe sein könnte!”
“Ich weiß, dass er es selbst ist, der Genua schwächt und uns. Der den Tedesci die Hand reicht, um uns alle nieder zu reißen und dann ein leichteres Spiel mit den einbrechenden Resten zu haben! Ich weiß, dass er den Austausch mit ihnen führt, diesen elenden, blinden, groben Narren aus dem Norden, die nicht wissen, was sie tun!”
“Ich weiß, dass Lydiadas sich eher vor den Blicken seines eigenen Blutes schützt und verbirgt als vor denen der klaren Feinde. Weil sie ihm nicht Feinde sind, weil er wohl glaubt, er könne sie reiten wie Pferde, gebrauchen wie Werkzeuge. Weil auch er alt ist und in seinen Wegen ebenso festgefahren. Methoden wie die seinen sind so alt, teile und herrsche! Und solche Methoden sind gut, um ein Blutjäger zu sein, eine Geißel für gleich mehrere Domänen, kalter Hass für jede Schwäche.”
“Doch dann, wenn er tatsächlich herrschen müsste, kann er es nicht. Wo er anführen müsste, greift er zu kurz. Und so muss er kurz greifen: Manfred von Ulm und Lydiadas. Alte Handel können auch neue Handel werden, so wird wiederholt, was doch einst gut ging, als um Korsika geschachert wurde. Und was ist daraus geworden?”
“So hat es begonnen, dass Grenzen abgesteckt wurden.Lugano, Varese, Como, Bergamo, Brescia, Verona, Mantua, Cremona, Pavia. Die See legt nur die Hände in den Schoß. Wir fallen, er lauert und sieht uns zu, wie wir schwächer werden, um zuzuschlagen, sobald er es wagt.”
“Und für das Schachern und Stillehalten durfte die See von Süden her zuschlagen: Cosenza, Tarent, Brindisi, Genua, Bari.”
“Lydiadas jedoch wird die See bald verraten. Er hat in ihr ohnehin keinen Halt mehr. Sie ist durchsetzt mit seinen Feinden und seine Gefolgsleute hat er verbraucht und hinter sich im Staub zurückgelassen. Er wird die Weiße Prinzessin ebenso verraten, um auf den Löwenthron von Genua zu steigen. Und dann wird es deutsch, nicht wahr?!” Die letzten Worte biss sie anklagend in Lydiadas’ Richtung.
“Und dann? Erneut sitzt er fest und verzweifelt muss er weiter zugreifen. Er muss seinen Blick nach Turin richten, weil er glaubt, er kann über unsere Leichen hinwegsteigen und es plündern. Weil er glaubt, dort liegt genug Macht, um ihn zu retten, vor all den Feinden, die er sich so gemacht hat.”
“Aber dort endet es ja nicht! Vom verehrten Ilario weiß ich, was in Venedig im Gange ist. Wie diese neuen Kappadozianer, die Giovanni, sich ausbreiten SIE sind bereit, mit den Tedesci zu verhandeln. Ob sie oder der höchst verehrte Tiberian diese Machtprobe am Ende gewinnen werden, konnte der verehrte Ilario nicht einschätzen. Doch die Tedesci wollen die Nachschubrouten Mailands bereits im Beginn abschneiden und sie wollen sich dieser Kappadozianer bedienen. Was wird dann mit dieser stolzen Via Regalis, Meister?”
Wieder wandte sie sich zu Himerius um, seinen Blick suchend, vielleicht auch seine Gnade, denn ihre Stimme begann, heiser zu werden.
“Ich will kämpfen, auch wenn ich der Via Regalis nicht länger folgen kann. Der Pfad der Himmel muss nicht getrennt von ihr sein - Ihr wisst dies! Ich weiß dies! Ich will nicht einfach aufgeben! Ich will nicht, dass die Mächtigen Norditaliens wanken oder gar fallen, angestoßen durch die verzweifelte Gier eines einzelnen Mannes, der bereit ist, sich und alles um ihn her zu verkaufen.”
“Was ich verstanden habe, dort am Tor und vielleicht auch in düsteren Ahnungen schon zuvor? In all den Stunden, während mir seine, höhnischen Worte noch in den Ohren geklungen haben? Ich bin nur ein winziges Beispiel dafür gewesen, dass Lydiadas diese Via Regalis in den Reihen und Rängen unseres Blutes ausmerzen will. Er will dasselbe wie die Tedesci: Er will Euch fallen sehen, Meister! Ebenso wie die mächtigen Prinzen in den Schatten. Die höchst verehrten Totila und Lamissio! Der höchst verehrte Tiberian verstrickt in dieses Ringen mit den diesen Giovanni. Der höchst verehrte Calistus mit nach deren Fall so herben Verlusten in seinen Kassen ist dann nur noch verstrickt und verschuldet.”
Giada sah zu dem Spiegel hin und ließ die Hände sinken. Die Worte und die Wahrheit floss aus ihr heraus, pulsierend wie rotes, lebendiges Blut.
“Er hasst die Via Regalis und ihre Wandler, doch ich weiß nicht, weshalb.”
“Ich bin gar nichts”, fuhr sie dann leise fort. “Doch an mir, im Kleinen, kann jeder sehen, was er will, wohin er zielt und wie er vorgeht. Meister, ich flehe Euch an, lasst mich weiter kämpfen!”
Und damit wandte sie sich zu Lydiadas um. “Ihr, hoch verehrter Lydiadas. Werdet Ihr Euer Wort und unseren Handel einhalten? Werdet Ihr tatsächlich Euer Herz öffnen, wie Ihr sagtet? Habt Ihr den Mut und die Kraft, einen besseren Weg zu gehen als eure Irrwege von bislang? Sogar ich kann sie mir zusammen setzen, in diesen Stunden vor dem Spiegel! Turin wird Euch nicht retten. Und wenn Ihr mir nicht glaubt, dann habt den Mut und tretet selbst vor das Tor.”
“Ihr habt mir gesagt, dass Ihr nicht wollt, dass ich eine Assel bin. Ungeziefer, das am Boden kriecht.” Sie deutete auf das Tor. “Ich stehe noch. Ich habe
gesehen. Und ja, es sind gerade jetzt vielleicht nur die eisernen Worte meines Meisters, die mich noch aufrecht halten und mir die Worte aus der Kehle zwingen. Ohne sie wäre ich längst zusammen gesunken und Gott weiß, wann ich wieder erwachen kann.”
Giada machte einen einzelnen Schritt auf Lydiadas zu. Sie hatte panische Angst, doch sie konnte nicht aufhören, zu sprechen. Es war als wollte die Wahrheit ihr die Kehle verbrennen oder es war ihr Zorn oder vielleicht auch der blanke Irrsinn, denn sie wusste nicht mehr, was ihre eigenen Gedanken waren und was die unerbittlichen, eisernen Stäbe von Himerius’ Befehl.
“Doch ich stehe, selbst nach allem, was Ihr mir entgegen geworfen habt! Nach allem, was sich vor mir aufgebaut hat. Weil ihr ungleich Mächtiger seid als ich, konntet Ihr mich so voran treiben und musstet selbst nur hinterdrein schlendern. Doch nun, nach der Prüfung des Tores, habe ich alles getan. Jetzt kann ich mich zu Euch umwenden und endlich mit gutem Recht dasselbe fordern wie Ihr! Denn das wollt Ihr doch?! Dass ich kein Kriecher bin? Ha!”
Es gab kein Zurück. Sie war gefallen, sie hatte sich aufgerichtet, sie hatte ihre Seele verloren und sie hatte Wahr gesprochen, so Wahr wie irgend etwas in dieser Welt nur sein konnte. Sie rief::
“Beweist uns allen hier, dass
Ihr keine Assel seid, Ungeziefer, das am Boden kriecht, unter den Stiefeln von Hardestatts Speichelleckern!”*
Und dann, endlich, konnte sie einen Moment lang schweigen, denn dieses Schweigen würde tatsächlich lauter und klarer sprechen als alle ihre Worte.
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*Manipulation + Führungsqualitäten: 3 7 6 2 7 3 5 9 → um Lydiadas aufzufordern