Re: [1119] So sehen wir uns wieder [Barkephas, Henri]
Verfasst: Do 11. Dez 2025, 21:16
von Barkephas
Der alte Orientale brummte Zustimmung.
"Ja, da habt Ihre wohl recht. Es ziehen mehrere Fronten auf, da ist es wohl angemessen, ein paar mehr Bluthunde, wie Ihr sie nennt, bereit zu halten. Wer weiß, was passiert - und besser ein paar Augen zu viel als zu wenig."
Er machte eine Pause und dachte nach. In der Tat standen der Domäne, die unter dem neuen Fürsten sich noch sortierte, einige Herausforderungen bevor. Aber wer hatte schon gesagt, dass es leicht werden würde? Richtig: niemand. Er hob den Blick und sah Henri voller Wärme gepaart mit Neugier an:
"Ich folge dem Weg des Himmels auf dem Pfad des Propheten und Ihr, werter Henri?'"
Re: [1119] So sehen wir uns wieder [Barkephas, Henri]
Verfasst: Mo 15. Dez 2025, 13:23
von Henri de la Nuit
"Ich folge dem des Händlers.
Eurer Herkunft nach, folgt ihr dem muslimischen Pfad, ja? Wie vereinbart ihr es mit eurem Glauben, dass ihr Kainit seit? Und wie passt Kain generell in euren Glauben?" fragte Henri neugierig, da er sich mit dem Islam bisher wenig beschäftigt hatte.
Re: [1119] So sehen wir uns wieder [Barkephas, Henri]
Verfasst: Mo 15. Dez 2025, 20:50
von Barkephas
Er sah die Neugier in Henris Augen aufblitzen und so holte er weiter aus:
"Ja, ich bin Muslim mit jeder Faser meines Seins... Wisst Ihr... Die Geschichten aus den alten Tagen haben eine gewisse Ähnlichkeit... und gerade die Geschichte von قابيل und هابيل hat eine große Bedeutung, die gerade die Barmherzigkeit des All-Einen demonstriert.
هابيل war tief gläubig und brachte dem Herrn das beste, was seine Herden zu bieten hatten, als Gabe. قابيل war anders gestrickt. Seine Verehrung für den All-Einen war nicht selbstlos und so brachte er dem All-Einen eine beliebige Feldfrucht. Das, was er am besten versilbern konnte, behielt er für sich. Der Herr warnte ihn, was Neid und Missgunst für Auswirkungen haben können - doch قابيل wollte nicht hören und erschlug seinen Bruder.
IHM in all SEINER Weisheit blieb nichts anderes, als قابيل zu verbannen - aber in seiner Barmherzigkeit schenkte er ihm ein Zeichen, dass er in der Fremde einen neuen Anfang wagen konnte, ohne dass ihn jemand umzubringen gedachte, denn er stand unter dem Schutz des All-Einen."
Er machte eine Pause und strich sich den Bart - sein Lächeln war echt und voller Wärme:
"Und so verstehe ich unser Sein als weitere Prüfung des All-Einen unserer Selbst. Wir müssen uns beweisen, dass wir SEINE Barmherzigkeit und Milde verdient haben, bereit sind, SEINE Lektionen anzunehmen und daraus zu lernen. Der All-Eine prüft uns jede Nacht auf's Neue, ob wir SEINE Lehren aufgenommen und verinnerlicht haben. ER beweist seine Barmherzigkeit. Wie können wir verurteilen, wenn ER eine zweite Chance gibt?"
Spoiler!
قابيل - /Qābīl/ - Kain
هابيل - /Hābīl/ - Abel
Re: [1119] So sehen wir uns wieder [Barkephas, Henri]
Verfasst: So 21. Dez 2025, 09:17
von Henri de la Nuit
"So gibt es also die selbe Geschichte in eurem Glauben? Ist es dann nicht derselbe Gott an den wir alle glauben? Was unterscheidet dann euren Glauben von dem christlichen?"
Wieso seht ihr eine Prüfung als etwas positives an? Wieso, oder eher wofür müssen wir geprüft werden? Wofür müssen wir kämpfen? Um uns einen Platz im Paradies zu verdienen?"
Henris Stimme klang leicht verbittert je mehr er zum Ende kam.
Re: [1119] So sehen wir uns wieder [Barkephas, Henri]
Verfasst: So 21. Dez 2025, 12:38
von Barkephas
"Als Sufi verehre ich den All-Einen. Mit anderen Worten: der Sufi ist der Liebende, der All-Eine ist der Geliebte. Und natürlich geht diese Beziehung in beide Richtungen."
Er machte eine Pause und suchte nach Worten.
"Wenn Ihr in einer Beziehung seid, ist die Sicht darauf eine andere als wenn Ihr von außen darauf schaut... und immer schwingt eine Bewertung mit, ob wir wollen oder nicht. Wir sind nicht dazu geschaffen, nicht zu urteilen. Das ist ein Teil dessen, was uns ausmacht. Die Frage ist viel mehr, 'wie' wir urteilen. Ich erwähnte schon einmal, damals in der Gasse, den Finger, mit dem wir auf andere zeigen und dass derer drei auf uns zurück zeigen. Mit der Religion verhält es sich genauso: wir sprechen von den 'Andersgläubigen' und meinen damit: 'ich bin etwas besseres'... dabei besagt das Wort etwas anderes: 'Mein Gegenüber glaubt anders als ich.' Nicht richtig oder falsch. Anders. Sollte die Frage daher nicht lauten: 'Was kann ich von meinem Gegenüber lernen, damit ich auf meinem Weg weiter komme?' - statt das Anderssein zu bekämpfen?. Der All-Eine lehrt uns: Hör mit den Ohren der Toleranz. Sieh durch die Augen des Mitgefühls. Sprich die Sprache der Liebe.“
Er machte eine Pause, um den Gedanken einsickern zu lassen.
"Der Prophet ܝܶܫܽܘܥ sprach, so die Überlieferung, von ܐܰܒܳܐ, um seine Beziehung zum All-Einen für seine Freunde verständlich zu machen, denn mit dem Wort konnten sie etwas anfangen. Und jeder von ihnen verstand, dass der Prophet, als er von ܐܰܒܳܐ sprach, nicht von seinem leiblichen Vater sondern von 'unser Vater' sprach. ܐܰܒܳܐ war also eine Metapher."
Er strich sich den Bart:
"Ihr merkt, ܝܶܫܽܘܥ ist in meiner Religion als Prophet anerkannt - aber nicht als 'Gottes Sohn' als Alleinstellungsmerkmal. ܐܰܒܳܐ ist eine Metapher. Wir sind also Kinder des All-Einen, denn wir kommen aus ihm. Wir sind seine Geschöpfe. So, wie es im Christentum und Judentum verschiedene Strömungen und Denkschulen gibt, so gibt es diese auch im Islam. In meiner Glaubensvorstellung sind Juden und Christen keine Feinde des All-Einen. Sie verehren ihn enter anderen Namen, denn sie kommen aus einer anderen Kultur - und in jeder davon gibt es weitere Namen, die Verwendung finden - und andere, die es zwar gibt, aber nicht ausgesprochen werden dürfen, weil wir nicht Gott sind. Der All-Eine ist alle diese Namen: Allah, Elohim, Adonai, HaSchem, Gott - und viele andere mehr."
Wieder machte er eine Pause, bevor er fortfuhr:
"Aber es gibt auch 'Nichtgläubige' da draußen. Götzendiener, aber auch solche, die den Glauben verloren haben und an nichts mehr glauben, deren 'Beziehung' in die Brüche gegangen ist. Die Aufgabe von uns Gläubigen ist es, ihnen zu helfen, sich wieder mit dem Glauben anzufreunden, damit sie wieder bereit sind, eine Beziehung mit dem All-Einen einzugehen."
Er schwieg einen Moment und strich sich bedächtig den Bart.
"Beziehung ist nicht eitel Sonnenschein. Es ist 'be-ziehung', es ist ein beständiges 'Tauziehen', um eine Metapher zu gebrauchen. Zwei Parteien sind mit verbundenen Augen mit einem Strick verbunden und testen sich gegenseitig: 'wo stehst du, wo steh ich - was brauchst du gerade, was brauche ich - was fühlst du gerade, was fühle ich - ...' Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar."
Er schloss die Augen.
„Ich suchte in Tempeln, Kirchen und Moscheen. Aber ich fand das Göttliche in meinem Herzen.“
Er ließ die Augen noch einen Augenblick geschlossen, dann öffnete er sie wieder.
"Der All-Eine möchte mit uns in Beziehung sein und bleiben. Er möchte wissen, was uns bewegt und wie Er uns erreichen kann. Deshalb prüft er uns - und erwartet, dass wir Ihn prüfen. Nur dann sind unsere Herzen offen und Er kann zu uns sprechen, denn nur dann hören wir Ihn."
Er lächelte Henri an.
"Ich höre Verbitterung in Eurer Stimme. Ich erinnere mich an das, was ich von Euch in jener Gasse wahrgenommen habe. Tauziehen geht nicht ohne Schrammen - aber Ihr seid im Tauziehen, Ihr seid in Beziehung. Das ist gut. Denkt einmal in Ruhe drüber nach: Eine Wunde ist ein Ort, über den das Licht in Euch eindringt."
Spoiler!
ܝܶܫܽܘܥ - /joshua/ - Jesus
ܐܰܒܳܐ - /aba/ - Vater
(Aramäisch)
Re: [1119] So sehen wir uns wieder [Barkephas, Henri]
Verfasst: Di 23. Dez 2025, 14:12
von Henri de la Nuit
Wie kann ich eine Beziehung zu jemanden haben, der nicht antwortet? Nicht am Seil zieht?
Bin ich nicht viel mehr ein Fischer, der sein Netz in einen trüben Teich wirft, unwissend ob darin Fische sind, aber hoffend, dass seine Bemühungen etwas zu Tage fördern werden. Doch der Teich könnte auch leer sein und sein Unterfangen sinnlos.
In der Realität würde der Fischer einfach aufhören und woanders hinziehen, nur wenn er gar keine andere Wahl hat und die Not groß ist, muss er bleiben und beten und hoffen, bis ans Ende seiner Tage. Doch was hätte er davon?
Nun, ich bin kein Ungläubiger, ich glaube dass Gott existiert, gerade als Verdammte, die wir sind, müssrn wir es glauben, doch nicht um Gott zu lieben, denn er liebt uns nicht und auch die Menschen nicht."
Henri schüttelte den Kopf. "Ich bewundere ja eure Liebe und Vertrauen zu ihm. Hoffnung ist etwas wunderbares. Sie ist aus Liebe erwachsen. Doch ich kann nicht glauben, dass ein gütiger Gott mir soetwas angetan hätte...für alle Ewigkeit. Nur um mich zu prüfen? Bis wohin? Welches Merkmal muss ich erfüllen um erlöst zu werden?"
Henri verschränkte in einer unbewussten Abwehrreaktion die Arme vor der Brust.
Re: [1119] So sehen wir uns wieder [Barkephas, Henri]
Verfasst: Sa 3. Jan 2026, 18:46
von Barkephas
Der Alte lächelte Henri freundschaftlich warm an:
"Es ist gut, Zweifel zu haben. Damit stellt Ihr Euren Glauben nicht über den anderer. Es ist richtig, wir wissen nicht immer, was der All-Eine tut - und fragen uns, ob er überhaupt etwas tut, für uns tut. Ihr sagt, wir 'müssen' glauben - doch damit gehe ich nicht konform. Wir 'dürfen' glauben. Wir 'dürfen' vertrauen - auch wenn das in der Nacht eine schwierige Lektion ist."
Er hielt inne und rieb sich das Kinn, strich sich den Bart. Ließ für einen Moment die Stille sprechen.
"Ich weiß wenig über Eure Religion. Es gibt in Genua andere, die Euch diesbezüglich besser weiterhelfen können. Ich wage es dennoch, Euch zwei Bilder des Propheten ܝܶܫܽܘܥ mit auf den Weg zu geben. Vielleicht helfen sie Euch, wenn Ihr eine Zeitlang darüber meditiert.
Das eine Bild ist aus der Zeit, als der Prophet bereits ein Mann war. Er fuhr mit seinen Freunden auf den See hinaus, denn sie wollten Fische fangen. Seine Freunde warfen die Netze, er legte sich schlafen. Als der Morgen nahte, schlug er die Augen auf und sah zu seinen Freunden. Sie sahen ihn verzweifelt an: 'ܡܰܠܦܳܢܳܐ, wir haben die ganze Nacht gefischt, aber nicht einen Fisch gefangen, diese Fahrt war vergebens.' Er erwiderte: 'Werft die Netze erneut aus, dann werdet Ihr volle Netze haben.' Sie wollten ihm in's Wort fallen: 'Aber...' - 'Kein Aber. Habt Vertrauen.'
Das zweite Bild ist aus der Zeit, als der Prophet auf die Welt kam. Er wurde nicht in feine Tuche gebettet, sondern in eine Krippe. Die Weisen schauen in den Himmel, um besondere Ereignisse in den Sternen zu lesen, doch dort finden sie nicht, was sie suchen, nur einen Stern, der sie aufzubrechen gemahnt. Gleichzeitig habt Ihr Christen die Tendenz, Euch selbst klein zu machen, nach unten zu schauen, weil Ihr Euch als unwürdig zu betrachten scheint, das Göttliche, das Ihr im Himmel verortet, zu schauen. الرَّشِيد lenkt Euren Blick nach unten - zur Krippe - um Euch von unten wieder aufzurichten."
Wieder schwieg er, diesmal jedoch, um die Bilder wirken zu lassen.
Spoiler!
ܥ - /joshua/ - Jesus
ܡܰܠܦܳܢܳܐ - /malfono/ - Lehrer/Meister/Rabbi
الرَّشِيد - /ar-Raschid/ - der Rechtleitende
Re: [1119] So sehen wir uns wieder [Barkephas, Henri]
Verfasst: Fr 9. Jan 2026, 08:58
von Henri de la Nuit
Henri blickte nachdenklich drein, als Barkephas sprach. Vor allem die letzte Geschichte regte ihn wirklich zum Nachdenken an, aber er antwortete zunächst nur zu den anderen:
"Glauben zu dürfen heißt auch, nicht glauben zu dürfen, aber wir wissen, dass Kain existiert hat, sonst wäre unsere ganze Existenz eine Lüge....wir müssen also Glauben, dass es IHN gibt, sonst müssten wir an viel viel mehr zweifeln, was wir sind, woher wir kommen, was unsere Bestimmung ist? Nun gut, letzteres ist sowieso eine stetige Frage der Menschheit."
"Eure Parabel über die Fischer und Jesus ist mir bekannt und ich sehe es mehr als eine Lektion in Ausdauer, als eine des Glaubens. Jesus sagt: Habt Vertrauen...aber in dieser Geschichte ist Jesus vor Ort, seine Freunde haben Vertrauen zu ihm und können dieses Vertrauen haben, weil sie ihn kennen. In meiner Metapher ist aber niemand da, der eine Manifestation des Vertrauens darstellen könnte."
Re: [1119] So sehen wir uns wieder [Barkephas, Henri]
Verfasst: Sa 10. Jan 2026, 15:02
von Barkephas
"Lektion in Ausdauer..."
Er ließ die Worte einen Moment klingen...
"Ich denke nicht, dass es in dem Gleichnis um 'Ausdauer' geht... aber auch nicht um Unterwerfung oder Gehorsam dem 'Meister' gegenüber. Ihr kennt das aus der Nacht: sich zu unterwerfen bedeutet, keinen Widerstand zu leisten oder Widerworte zu geben - doch die Fischer erheben das Wort, sie hätten die ganze Nacht gefischt, und sie werden dafür nicht getadelt, sondern erhalten den Ratschlag, sich in Vertrauen zu üben.."
Er hielt inne und betrachtete Henri nachdenklich:
"Um einer Person zu vertrauen, muss man diese nicht sehen. Noch weniger, wenn man keiner Person, sondern Gott vertraut."
Er lächelte Henri zu.
"Ich glaube fest daran: Ihr könnt das."
Re: [1119] So sehen wir uns wieder [Barkephas, Henri]
Verfasst: Sa 10. Jan 2026, 17:19
von Henri de la Nuit
"Ich könnte. Sicher. Aber es widerstrebt mir." Henri verzog den Mund zu einem missmutigen schiefen Anheben des Mundwinkels und winkte dann mit einer Hand ab. "Nun was soll es...Ich danke euch für eure Ratschläge und Einsichten, aber ich werde mich für heute verabschieden." Henri nickte, mit einer an das Herz aufgelegte Hand, Barkephas höflich zu.