[1027] Lehren, die das Leben schreibt [Gasparo, Achilla]
Verfasst: Di 9. Apr 2019, 15:33
Die Schaustellerei lief nicht allzu übel. Die kleine Truppe um die Signora Achilla - vordergründig um den “Magnificio Mauricio” - hatte sich in Genua eingelebt. Die Schausteller mochten wechseln, denn das war eine ganze eigene kleine Welt von persönlichen Dramen, Eitelkeiten und Tragödien. Ein Schaustellerleben war oft ein sehr kurzes, aber für die Pracht der Märkte und Feste, den Rausch eines Lotterlebens oder die gewisse Narrenfreiheit, die man mit Maske und Kostüm doch besaß, wagten doch viele den Schritt oder rutschten irgendwie hinein in die Scheinwelt der Schausteller.
Doch insgesamt lief es eben ganz passabel. Auf den Märkten trat man auf, zu Festen sowieso, reiche Leute konnten die Truppe anheuern und es gab einmal im Mond sogar ganz ansehnliche, redliche und sogar religiöse Spiele: In San Damiano im Sesterie Platealonga wurde einmal im Monat eine der Predigten um durchaus würdevolle und ernsthafte Darstellungen erweitert. Das half auch den einfachen Leuten, deren Latein nicht gut genug war, um den Prediger auf der Kanzel ganz zu verstehen.
Alles in allem also nicht zu übel.
Doch das hieß nicht, dass alles immer eitel Sonnenschein war. An diesem Markttag war nicht viel für die Truppe herumgekommen und die Stände wurden schon abgebaut oder geschlossen und trotzdem war nicht genug zusammen, um jeden satt zu bekommen. Mauricio, der meistens auf einer Kiste stehen musste, um größer zu wirken, wenn er seine Ankündigungen machte, rieb stirnrunzelnd ein paar Münzen aneinander und sah auf die restliche Ausbeute. Ein paar Eier, etwas altes Brot und Rüben, Reste von der Käserei und eine handvoll Nägel. Immerhin, alles brauchbar. Im Lager gab es noch ein paar Vorräte und etwas Wein.
Mauricio zwirbelte seinen durchaus prächtigen, geölten Schnurrbart, schmatzte einmal und erklärte dann der verschwitzten, vom Straßenstaub etwas grauen Truppe: “Für heute langt’s schon noch, aber ‘s braucht was neues. Wir gehen raus vor die Stadt und sobald’s dunkel wird, üben wir am Feuerspucken. Und davor ein paar von den Szenen für das, was die Signora vorhat. Ihr wisst schon.”
Das löste allgemeines Stöhnen aus. Die Signora hatte in der Tat großes vor: Sie wollte nicht nur ein paar einzelne Possen oder Szenen sondern etwas unerhört neues (oder altes), nämlich eine ganze Geschichte. Es war nicht einmal ihren eigenen Leuten ganz klar, wer die Geduld und Muße haben sollte, sich so etwas anzusehen, das sicher eine halbe oder ganze Stunde dauern würde, aber da war wohl nichts dran zu rütteln. Und zugegeben, die Heiligenszenen, die sie alle oft mitspielten, brachten immer solide etwas ein. Das waren auch durchgesprochene Handlungen - nur eben nicht gleich so lang.
Doch das Wort der Signora galt für gewöhnlich und Mauricio war ohnehin immer auf ihrer Seite, also half kein Murren. So zog die Truppe für die Nacht außerhalb der Stadt, denn solange es noch warm genug war, gab es da draußen genug freie Plätze, wo man herumlungern und üben konnte, ohne dass gleich irgendwer sich beklagte oder es wegen des Feuers mit der Angst zu tun bekam.
Es wurde noch ein kleiner Umweg gemacht, um dem Rest des Haufens bescheid zu geben. Ein paar schlossen sich an, darunter auch die Signora selbst, die ihren Entwurf endlich leibhaftig sehen wollte.
Draußen, vor der Stadt, war schnell ein kleines Lager improvisiert. Bernard und Rica, beides blutjunge Neulinge unter den Schaustellern, mussten sich um das Saubermachen kümmern, während der Rest Lichter genug aufstellte, dass noch etwas geprobt werden konnte.
Das “Stück”, wenn man es so nennen wollte, handelte von Genua selbst und dem Krieg gegen Sardinien. Es gab ein paar einzelne Szenen, aber es fehlte noch der rechte Pfiff.
Die miesen Sarden und auch die Muselmanen wurden von allen gespielt, die nicht gerade etwas andere vorsprachen. Die Genuesen waren diejenigen, die auch Texte sagten: mutige Kapitäne auf See oder Befehlshaber in dem einen oder anderen Kampf. Noch fehlte aber einfach ein roter Faden und insgesamt die Disziplin.
Die Signora versuchte, ihre Leute anzutreiben, aber keiner war gewohnt, sich einen festgeschriebenen Text zu merken oder wie das Ganze am Ende aussehen sollte.
Dann aber kam eine gar nicht so üble Idee auf: Das Stück mit seinen kämpferischen Szenen und doch etwas gestelzten Dialogen brauchte einen Erzähler, der es dem Volk auf der Straße näherbringen sollte! Einen gütigen Lehrer oder Priester vielleicht, der das eine oder andere erklärte und die Zuschauer bei der Stange hielt.
Lodovico, der mit der Idee gekommen war, warf sich dafür eine braune Sackrobe über, spuckte in die Hände und fuhr sich ein paar Male damit durch das Haar, so dass es ordentlicher aussah. Und dann fing er an:
“Es begab sich im Jahr 1016, also vor zehn Jahren ungefähr…”
“...das war nicht ungefähr, Ludo”, bemerkte Adelfo, ein hübscher junger Bursche, von der Seite her. Die Signora schnalzte mißbilligend mit der Zunge, um ihn im Zaum zu halten.
“...also vor zehn Jahren, da hatten die guten Leute und die noble Herrschaft von Genua allen voran genug davon, dass Heidenvolk und Muselmanen ihre gierigen Hände nach Sardinien ausgestreckt hatten…”
Adelfo, der noch in einem Muselmanenkostüm mit Turban und spitzbärtiger Halbmaske steckte, improvisierte ein paar finstere Posen. Isabetta versuchte sich sogleich darin, eine ausgebeutete und geknechtete Magd aus Sardinien zu mimen. Das machte als Grund für einen Krieg schon einmal etwas her. Die anderen fielen sogleich in das Schaustück ein, während Ludo erklärend fortfuhr:
“Und so machten die tapferen Streitkräfte von Genua sich bereit. Stolze Schiffe und prächtige Krieger…”
Das wollte jeder gern darstellen. Es gab einige Augenblicke Chaos, weil die, die eben noch finstere Heiden gespielt hatten, auf einmal stolze Genuesen sein wollten. Das ordnete sich aber schnell - im Improvisieren hatten sie alle gute Übung.
Und so ging es fort. Ludo schien großen Gefallen an seiner Rolle als Erzähler zu finden. Sonst war er immer eher der Mann fürs Grobe. Früher hatte er auch mal als Eisenbieger und starker Mann das Publikum angezogen, bis er einen üblen Hexenschuss im Rücken gehabt hatte. Aber das er so ein passabler Erzähler sein konnte, hatte zuvor keiner vermutet.
Die Stimmung in der Truppe hob sich merklich, als die Geschichte der Signora so endlich etwas wie Gestalt und einen roten Faden bekam. Und auch die Signora selbst schien viel zufriedener, je besser alles lief.
Es ging schon auf die Mitternacht zu, als sie endlich Schluss machten. Die mitgebrachten Weinkrüge wurden angebrochen und die Proben klangen so langsam aus. Ludo, noch immer in seiner Robe, stolzierte etwas auf und ab. Vielleicht hatte er selbst nicht gedacht, dass es so gut funktionieren würde. Nach der Sache mit dem kaputten Rücken hatte er lange nicht gewusst, wofür er eigentlich zu gebrauchen sein würde.
So ging er ein paar Schritte vom Lager weg, um Atem zu schöpfen und sich vielleicht einen passablen Stock zu suchen, wie man ihn gut als Teil des Kostüms gebrauchen könnte.
Doch insgesamt lief es eben ganz passabel. Auf den Märkten trat man auf, zu Festen sowieso, reiche Leute konnten die Truppe anheuern und es gab einmal im Mond sogar ganz ansehnliche, redliche und sogar religiöse Spiele: In San Damiano im Sesterie Platealonga wurde einmal im Monat eine der Predigten um durchaus würdevolle und ernsthafte Darstellungen erweitert. Das half auch den einfachen Leuten, deren Latein nicht gut genug war, um den Prediger auf der Kanzel ganz zu verstehen.
Alles in allem also nicht zu übel.
Doch das hieß nicht, dass alles immer eitel Sonnenschein war. An diesem Markttag war nicht viel für die Truppe herumgekommen und die Stände wurden schon abgebaut oder geschlossen und trotzdem war nicht genug zusammen, um jeden satt zu bekommen. Mauricio, der meistens auf einer Kiste stehen musste, um größer zu wirken, wenn er seine Ankündigungen machte, rieb stirnrunzelnd ein paar Münzen aneinander und sah auf die restliche Ausbeute. Ein paar Eier, etwas altes Brot und Rüben, Reste von der Käserei und eine handvoll Nägel. Immerhin, alles brauchbar. Im Lager gab es noch ein paar Vorräte und etwas Wein.
Mauricio zwirbelte seinen durchaus prächtigen, geölten Schnurrbart, schmatzte einmal und erklärte dann der verschwitzten, vom Straßenstaub etwas grauen Truppe: “Für heute langt’s schon noch, aber ‘s braucht was neues. Wir gehen raus vor die Stadt und sobald’s dunkel wird, üben wir am Feuerspucken. Und davor ein paar von den Szenen für das, was die Signora vorhat. Ihr wisst schon.”
Das löste allgemeines Stöhnen aus. Die Signora hatte in der Tat großes vor: Sie wollte nicht nur ein paar einzelne Possen oder Szenen sondern etwas unerhört neues (oder altes), nämlich eine ganze Geschichte. Es war nicht einmal ihren eigenen Leuten ganz klar, wer die Geduld und Muße haben sollte, sich so etwas anzusehen, das sicher eine halbe oder ganze Stunde dauern würde, aber da war wohl nichts dran zu rütteln. Und zugegeben, die Heiligenszenen, die sie alle oft mitspielten, brachten immer solide etwas ein. Das waren auch durchgesprochene Handlungen - nur eben nicht gleich so lang.
Doch das Wort der Signora galt für gewöhnlich und Mauricio war ohnehin immer auf ihrer Seite, also half kein Murren. So zog die Truppe für die Nacht außerhalb der Stadt, denn solange es noch warm genug war, gab es da draußen genug freie Plätze, wo man herumlungern und üben konnte, ohne dass gleich irgendwer sich beklagte oder es wegen des Feuers mit der Angst zu tun bekam.
Es wurde noch ein kleiner Umweg gemacht, um dem Rest des Haufens bescheid zu geben. Ein paar schlossen sich an, darunter auch die Signora selbst, die ihren Entwurf endlich leibhaftig sehen wollte.
Draußen, vor der Stadt, war schnell ein kleines Lager improvisiert. Bernard und Rica, beides blutjunge Neulinge unter den Schaustellern, mussten sich um das Saubermachen kümmern, während der Rest Lichter genug aufstellte, dass noch etwas geprobt werden konnte.
Das “Stück”, wenn man es so nennen wollte, handelte von Genua selbst und dem Krieg gegen Sardinien. Es gab ein paar einzelne Szenen, aber es fehlte noch der rechte Pfiff.
Die miesen Sarden und auch die Muselmanen wurden von allen gespielt, die nicht gerade etwas andere vorsprachen. Die Genuesen waren diejenigen, die auch Texte sagten: mutige Kapitäne auf See oder Befehlshaber in dem einen oder anderen Kampf. Noch fehlte aber einfach ein roter Faden und insgesamt die Disziplin.
Die Signora versuchte, ihre Leute anzutreiben, aber keiner war gewohnt, sich einen festgeschriebenen Text zu merken oder wie das Ganze am Ende aussehen sollte.
Dann aber kam eine gar nicht so üble Idee auf: Das Stück mit seinen kämpferischen Szenen und doch etwas gestelzten Dialogen brauchte einen Erzähler, der es dem Volk auf der Straße näherbringen sollte! Einen gütigen Lehrer oder Priester vielleicht, der das eine oder andere erklärte und die Zuschauer bei der Stange hielt.
Lodovico, der mit der Idee gekommen war, warf sich dafür eine braune Sackrobe über, spuckte in die Hände und fuhr sich ein paar Male damit durch das Haar, so dass es ordentlicher aussah. Und dann fing er an:
“Es begab sich im Jahr 1016, also vor zehn Jahren ungefähr…”
“...das war nicht ungefähr, Ludo”, bemerkte Adelfo, ein hübscher junger Bursche, von der Seite her. Die Signora schnalzte mißbilligend mit der Zunge, um ihn im Zaum zu halten.
“...also vor zehn Jahren, da hatten die guten Leute und die noble Herrschaft von Genua allen voran genug davon, dass Heidenvolk und Muselmanen ihre gierigen Hände nach Sardinien ausgestreckt hatten…”
Adelfo, der noch in einem Muselmanenkostüm mit Turban und spitzbärtiger Halbmaske steckte, improvisierte ein paar finstere Posen. Isabetta versuchte sich sogleich darin, eine ausgebeutete und geknechtete Magd aus Sardinien zu mimen. Das machte als Grund für einen Krieg schon einmal etwas her. Die anderen fielen sogleich in das Schaustück ein, während Ludo erklärend fortfuhr:
“Und so machten die tapferen Streitkräfte von Genua sich bereit. Stolze Schiffe und prächtige Krieger…”
Das wollte jeder gern darstellen. Es gab einige Augenblicke Chaos, weil die, die eben noch finstere Heiden gespielt hatten, auf einmal stolze Genuesen sein wollten. Das ordnete sich aber schnell - im Improvisieren hatten sie alle gute Übung.
Und so ging es fort. Ludo schien großen Gefallen an seiner Rolle als Erzähler zu finden. Sonst war er immer eher der Mann fürs Grobe. Früher hatte er auch mal als Eisenbieger und starker Mann das Publikum angezogen, bis er einen üblen Hexenschuss im Rücken gehabt hatte. Aber das er so ein passabler Erzähler sein konnte, hatte zuvor keiner vermutet.
Die Stimmung in der Truppe hob sich merklich, als die Geschichte der Signora so endlich etwas wie Gestalt und einen roten Faden bekam. Und auch die Signora selbst schien viel zufriedener, je besser alles lief.
Es ging schon auf die Mitternacht zu, als sie endlich Schluss machten. Die mitgebrachten Weinkrüge wurden angebrochen und die Proben klangen so langsam aus. Ludo, noch immer in seiner Robe, stolzierte etwas auf und ab. Vielleicht hatte er selbst nicht gedacht, dass es so gut funktionieren würde. Nach der Sache mit dem kaputten Rücken hatte er lange nicht gewusst, wofür er eigentlich zu gebrauchen sein würde.
So ging er ein paar Schritte vom Lager weg, um Atem zu schöpfen und sich vielleicht einen passablen Stock zu suchen, wie man ihn gut als Teil des Kostüms gebrauchen könnte.