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[1111] Vom Vergessen des eigenen Selbst [Giuseppe, Luciano]
Verfasst: Do 13. Mär 2025, 10:17
von Giuseppe
Giuseppe bewegte sich durch die engen Gassen des Hafens, verborgen in den Schatten. Seine Schritte waren leise, sein kleiner Körper glitt unauffällig zwischen Fässern, Kisten und gestapeltem Seilwerk hindurch. Er achtete darauf, nicht aufzufallen. Wer ihn sah, sollte ihn sofort wieder vergessen.
Der Hafen schlief nie. Stimmen hallten über das Pflaster, irgendwo schimpfte ein Matrose, Holz knarrte unter schweren Schritten. Die salzige Luft trug den Geruch von Fisch, Teer und altem Wein mit sich. Giuseppe sog die Eindrücke in sich auf, während er sich seinem Ziel näherte: einem der Flachdächer, von dem man die Docks gut überblicken konnte.
Dann aber hörte er etwas anderes. Gejohle, Freudenschreie, Tumult.
Helle junge Stimmen, genau dort vorne am Anleger an dem er sich mit Luciano treffen wollte.
Er stockte, das war ungewöhnlich, vielleicht sogar besorgniserregend.
Und so blieb er stehen, sah sich um, änderte den Ursprungsplan.
Die Wände des angrenzenden Lagerhauses waren rau und von der Seeluft gezeichnet. Mit geübten Bewegungen packte Giuseppe eine hölzerne Kiste, zog sich daran hoch und erreichte einen Mauervorsprung. Er kannte den Weg. Wenige Herzschläge später lag er auf dem Dach, geduckt, die Hände flach auf den kühlen Stein gepresst.
Hier oben war es anders. Der Wind strich über die flache Oberfläche, das Meer glitzerte im Licht der Sterne. Der Mond stand klar und rund am Himmel, spiegelte sich in den dunklen Wassern der Bucht. Ein schöner Anblick, doch Giuseppe hatte keine Zeit, ihn zu genießen.
Langsam kroch er an den Rand des Dachs, verborgen im Schatten, die Fingerkuppen tasteten über den Rand der steinernen Brüstung.
Er spähte hinunter.
Was in Gottes Namen war dort los?
Re: [1111] Vom Vergessen des eigenen Selbst [Giuseppe, Luciano]
Verfasst: Do 13. Mär 2025, 11:34
von Luciano Boccanegra
Luciano saß auf einer kleinen Kiste inmitten einer Meute von Kindern, deren Gesichter von Neugier und Freude erhellt waren. Anhand ihrer abgetragenen Kleider erkannte man sofort, dass es sich um Bettlerkinder oder Kinder aus ärmeren Familien handelte. Einige der Kinder hielten noch Reste von Brot in der Hand und knabberten daran, während ihre Augen gespannt auf Luciano gerichtet blieben. Im Hintergrund konnte man einen weiteren Mann sehen, der die Szenerie aus der Ferne beobachtete. Auf den ersten Blick mochte der junge Italiener unauffällig wirken, doch seine hübschen Gesichtszüge und schulterlangen, schwarzen Locken ließen ihn dennoch als eine besondere Erscheinung erstrahlen. Er hatte eine mittlere Statur und trug schlichte Kleidung, die sich harmonisch in die Umgebung des Hafens einfügte und nicht auffiel.
Die salzige Luft des Hafens wehte durch die Gassen, begleitet vom leisen Plätschern des Wassers und den Geräuschen der Boote, die am Pier lagen. Luciano zeigte den Kindern, wie er eine Münze geschickt durch die Finger gleiten ließ und sie dann auf magische Weise verschwinden ließ, nur um kurz darauf hinter dem Ohr eines der Kinder wieder auftauchen zu lassen. Ein erstauntes "Oh" und "Ah" ging durch die Menge der Kinder, gefolgt von aufgeregtem Kichern.
"Erzähle uns noch eine Geschichte, bitte!", rief ein Junge mit großen, erwartungsvollen Augen.
Luciano schüttelte lächelnd den Kopf. "Es ist schon spät, mein Freund. Das nächste Mal, versprochen." Er tätschelte dem Jungen sanft den Kopf, wobei seine kalte Hand für einen Moment auf den warmen Haaren des Kindes verweilte.
Der Junge runzelte die Stirn und fragte: "Warum ist deine Hand so kalt?"
Luciano lachte herzhaft. "Wie könnte dieser Abend zu Ende gehen, ohne einen Schwall von Fragen von meinem lieben Luigi. Weil ich wegen euch seit einer Stunde in der Kälte sitze."
Ein anderes Kind, ein Mädchen mit strubbeligem Haar, meldete sich zu Wort: "Ich habe gehört, dass ein junger Mann mit roten Haaren ein Kind und einen Jungen vor dem Ertrinken gerettet hat, aber dann nicht mehr aufgetaucht ist. Warst du das, Luciano?"
Luciano lachte erneut und zwinkerte dem Mädchen zu. "Wie könnte ich hier sitzen, wenn ich im Hafenbecken ertrunken wäre, Maria?"
Die Kinder lachten und schauten ihn bewundernd an.
Der Abendnebel begann sich sanft über den Hafen zu legen, als der andere Mann sich an Lucianos Seite bewegte und mit fester Stimme sagte: "Für heute ist es genug. Es ist Zeit, dass ihr zu euren Schlafstätten geht." Er zeigte in die Ferne. „Auf, auf, beim nächsten Mal gibt es mehr.“
Man konnte sehen, dass die Kinder wenig begeistert waren, dass dieser Abend zu Ende ging, und dennoch hörten sie auf ihn, als wäre es nicht das erste Mal. Der Platz war kurz gefüllt von einer quirrligen Menge. Die Kinder verteilten sich schnell in alle Himmelsrichtungen, ihre kleinen Schritte verklangen bald in den engen Gassen. Luciano wandte sich dem Mann im Hintergrund zu und sprach kurz mit ihm, bevor dieser ebenfalls den Ort verließ. Schließlich setzte sich Luciano wieder auf die Kiste, die in der Mitte des leeren Platzes stand, und schien geduldig auf etwas oder jemanden zu warten.
Re: [1111] Vom Vergessen des eigenen Selbst [Giuseppe, Luciano]
Verfasst: Do 13. Mär 2025, 13:22
von Giuseppe
Giuseppe betrachtete das Gewusel.
Musste lächeln.
Duckte sich trotzdem tiefer.
Die Kinder durften ihn nicht sehen.
Das Ganze sah Luciano ähnlich – eigentlich eine nette Geste.
Die natürliche Freude, die die Schlange ausstrahlte, als sie mit den kleinen Sterblichen sprach, erweichte einem das Herz.
Bitter, dass solche Freuden für ihn mehr oder weniger unmöglich waren.
Und so verlegte er sich aufs Beobachten, sog die Szenerie in sich auf.
Also hatte Luciano seinen Tito wirklich auf die Straßenkinder angesetzt.
Eigentlich ein kluger Plan, doch in seinem Kopf hallten die Worte der wohlwerten Sara nach.
Wenn er dabei nur unauffälliger wäre.
Andererseits gab es so jemanden, der sich um sie sorgte, der sie vielleicht sogar schützen konnte.
Er wartete, ließ Luciano seinen Spaß, wartete, bis das letzte Kind verschwunden war.
Dann rief er mit einer unscheinbaren Handbewegung seine Schleiereule Marco zu sich, wechselte vor Blicken geschützt einige Worte mit ihm. Wie immer wusste das Tier, was zu tun war.
Es segelte zu Luciano hinab.
Setzte sich auf einen der Pfähle am Hafen.
Schüttelte sein wuschliges Federkleid.
Schuhute.
Wartete, bis er ihm seine Aufmerksamkeit schenkte.
Tippelte, flog dann ein paar Meter weiter weg.
Wartete, dass er folgte.
Leitete ihn dann Meter um Meter weg vom Hafen.
Die schmalen Pfade entlang, die sich außerhalb der Mauern zur Küste hinaufschlängelten.
Über sandige Wege zu einem der Felsen, von dem man den Hafen überblicken konnte.
Das fahle Mondlicht, das Funkeln der Sterne und das ferne Licht des Leuchtturms tauchten die Szenerie in gedämpfte Helligkeit.
Oben auf dem Felsen, in den jemand vor langer Zeit steinerne Stufen geschlagen hatte, saß eine kleine Gestalt.
Für das geübte Auge gut erkennbar, gehüllt in einen dunklen Mantel, der alle Details verbarg.
Re: [1111] Vom Vergessen des eigenen Selbst [Giuseppe, Luciano]
Verfasst: Do 13. Mär 2025, 13:42
von Luciano Boccanegra
Luciano gönnte sich einen Moment der Ruhe und ließ seine Gedanken schweifen, doch plötzlich fiel sein Blick auf eine Eule, die sich auf einen der Pfähle am Hafen gesetzt hatte. Er runzelte die Stirn und fragte sich, ob dies dieselbe Eule sei, die Giuseppe als Begleiter hatte. Eine Eule im Hafengebiet war ungewöhnlich, und es schien fast, als wollte das Tier mit ihm kommunizieren.
Die Eule schüttelte ihr wuschliges Federkleid und gab ein leises "Schuhu" von sich, während sie Luciano mit ihren großen Augen fixierte. Luciano fühlte sich von dem Tier merkwürdig angezogen und schenkte ihm seine volle Aufmerksamkeit. "Marco, bist du es?" fragte er leise, während er die Eule beobachtete. Die Eule tippelte ein paar Schritte und flog dann ein Stück weiter, drehte sich zu ihm um und schien zu warten, dass er ihr folgte.
Luciano entschied sich, der Eule zu folgen. Sie führte ihn weg vom Hafen und hinaus in Richtung des Leuchtturms. Meter um Meter schritt er den schmalen Pfaden entlang, die sich außerhalb der Mauern zur Küste hinaufschlängelten. Der Weg wurde von sandigen Pfaden und felsigen Abschnitten gesäumt, die im fahlen Mondlicht und dem Funkeln der Sterne ein geheimnisvolles Lichtspiel boten.
Als Luciano den Felsen erreichte, von dem man den Hafen überblicken konnte, sah er in der Ferne eine kleine Gestalt auf den steinernen Stufen sitzen. Ein Lächeln der echten Freude huschte über sein Gesicht, als er die Gestalt erkannte. Es war Giuseppe, gehüllt in einen dunklen Mantel, der alle Details verbarg.
Luciano näherte sich dem wartenden Giuseppe mit einem Gefühl der Verbundenheit und Dankbarkeit. "Werter Giuseppe", sprach er leise, "ich hätte wissen müssen, dass du dahintersteckst. Dein treuer Gefährte Marco hat mich hierhergeführt. Wolltest du dich doch nicht im Hafen treffen?"
Die Eule, die nun neben Giuseppe auf einem Ast saß, schüttelte erneut ihr Federkleid, als ob sie Lucianos Frage bestätigen wollte.
Re: [1111] Vom Vergessen des eigenen Selbst [Giuseppe, Luciano]
Verfasst: Do 13. Mär 2025, 17:17
von Giuseppe
Das kleine Monster grinste, bleckte die Zähne, zog die eingefallenen Wangen nach oben. Die Freude spiegelte sich bis in die Spitzen seiner Ohren, die leicht vibrierten.
„Schön, dich zu sehen, werter Luciano.“ sagte Giuseppe mit weicher, rauer Stimme.
Er neigte den Kopf. „Hatte nicht mit den Kindern gerechnet.“
Womit er ebenfalls nicht gerechnet hatte, war, dass er für Luciano schon wieder ein Werter war. Aber vielleicht lag es daran, dass dieser sich als Lehrling verstand und einen Respekt zeigen wollte, der längst erkannt worden war.
Die Glubschaugen blitzten fröhlich.
„War schön, euch zuzusehen. Aber die Kleinen durchschauen uns zu oft.“
Er zuckte mit den Schultern.
„Wollte die gute Stimmung nicht durch Panik zerstören.“
Für einen Moment lag Schwermut in seinen Augen. Dann grinste er wieder, die Stimme wurde wärmer.
„Ist gut zu sehen, dass ihr euch kümmert.“
„Vielleicht sind einige dabei, die bei Nicolo das Handwerk eines Medicus lernen könnten.“
„Würde sie von der Straße holen.“ fügte er mit einem Schulterzucken hinzu.
Dann zog er Luciano in eine Umarmung, zögerte einen Moment, ließ die Geste aber nicht unvollendet.
„Wie geht es dir?“
Re: [1111] Vom Vergessen des eigenen Selbst [Giuseppe, Luciano]
Verfasst: Do 13. Mär 2025, 19:13
von Luciano Boccanegra
Luciano grinste schelmisch, als Giuseppe ihn mit "werter Luciano" ansprach und setzte ein noch breiteres Grinsen auf, als Giuseppe ihn mit "ihr euch" adressierte. Gerade als Luciano zu einer Antwort ansetzen wollte, wurde er von Giuseppe in eine unerwartete Umarmung gezogen. Es war eine freundschaftliche, menschliche Geste, die er von Giuseppe nicht erwartet hätte. Die plötzliche Nähe überraschte ihn, doch sie berührte ihn auch tief. Luciano legte ebenfalls seine Arme um Giuseppe und hielt ihn einen Moment fest.
"Mir geht es gut, Giuseppe," antwortete Luciano leise und spürte die Wärme und Aufrichtigkeit in dieser Umarmung. Er hielt die Umarmung nur einige Momente, bevor er sie löste, um Giuseppe nicht zu überfordern. Er lächelte ihn an, und in seinen Augen konnte man eine Mischung aus Freude und Stolz erkennen. Es war ein Moment der Verbundenheit, den Luciano nicht erwartet hatte, aber umso mehr schätzte.
"Wir haben der Etikette mit der Begrüßung wirklich genüge getan. Wenn es dir recht ist, können wir gerne auf das 'werter' verzichten, solange wir alleine sind," sagte Luciano mit einem schelmischen Grinsen. "Falls nicht, bestehe ich darauf, dich ab sofort mit 'wohlwerter' anzusprechen." Seine Worte waren von einem freundlichen Humor durchzogen, der die Atmosphäre auflockerte.
Luciano legte den Kopf etwas schief und kratzte sich am Kopf, während er verlegen lächelte. "Hast du die Kinder gesehen? Es tut mir leid, ich hatte die Zeit etwas vergessen und dachte, sie wären zu der verabredeten Zeit bereits weg. Ich finde es eine gute Idee, dass wir schauen können, ob es einige gibt, die vielleicht geeignet wären. Ein paar von Ihnen scheinen intelligent zu sein. Ich werde Tito fragen."
Luciano ließ seinen Blick langsam über das Meer schweifen, und sah in der Ferne, wie sich der Mond im spiegelte und das Wasser dort funkelte, wie hunderte Diamanten. In diesem Moment fühlte Luciano eine tiefe Ruhe und Zufriedenheit. Die Nacht umhüllte sie, und die sanften Geräusche des Meeres verliehen der Szene eine friedvolle Stimmung. Luciano wusste, dass er in Giuseppe einen wertvollen Freund und Verbündeten gefunden hatte.
Re: [1111] Vom Vergessen des eigenen Selbst [Giuseppe, Luciano]
Verfasst: Fr 14. Mär 2025, 15:23
von Giuseppe
Giuseppes Blick folgte Lucianos, als dieser sich neben ihn setzte und aufs Meer hinausstarrte.
Die Schatten, die durch die Stadt huschten, beobachtete er aus den Augenwinkeln. Salz lag in der Luft, vermischt mit dem Duft von Algen und Gras.
Irgendwo neben ihnen wuchs Rosmarin. Der Geruch erinnerte ihn an die Küche seiner Mamma im Capo. Etwas Vertrautes, etwas Beruhigendes.
Deshalb hatte er diesen Ort für die erste Lektion gewählt.
„Ich werde es dir beibringen, so wie Faustus es mich damals gelehrt hat,“ begann er.
„Wenn du etwas nicht verstehst, es nicht schaffst oder einfach nicht in der Stimmung dafür bist, sag es. Das meiste klingt leichter, als es ist.“
Er hielt kurz inne.
„Ich bringe es dir bei, damit du dich verbergen kannst. Damit du im Fall der Fälle sicherer bist.“
Seine zahngespickte Fresse verzog sich zu einem schiefen Lächeln. Ein wenig unzufrieden, mit dem, was er als Nächstes sagen musste.
„Es ist eine Kraft meines Clans. Ich vermute, du könntest sie auch allein lernen. Ich verlange nichts dafür. Aber wir müssen festlegen, dass du mir etwas schuldest, falls jemand davon erfährt.“
Ein leises Knurren drang aus seiner Kehle.
„Wenn sie merken, dass ich diese Gabe ohne Gegenleistung weitergebe, wären wir beide in Gefahr.“
Giuseppe sah seinen rotschopfigen Freund an. Er hasste es, das Treffen mit diesem Thema zu beginnen.
Doch es war besser, wenn es ausgesprochen war.
Besser, wenn es geklärt war.
Dann konnten sie sich endlich dem eigentlichen Grund ihres Treffens widmen.
Re: [1111] Vom Vergessen des eigenen Selbst [Giuseppe, Luciano]
Verfasst: Fr 14. Mär 2025, 20:35
von Luciano Boccanegra
Luciano lächelte Giuseppe zu, ein Ausdruck von Verständnis und Ruhe auf seinem Gesicht. "Giuseppe," begann er mit sanfter Stimme, "du hast recht, immer zuerst die Regeln zu klären. Das Prozedere ist schließlich das Prozedere." Sein Ton war warm, fast beruhigend, als wollte er Giuseppe die Schwere der Situation nehmen. "Es braucht dir nicht unangenehm zu sein. Ich weiß, wie wichtig es für dich ist, solche Dinge zu klären, und ich respektiere das."
Er hielt kurz inne, ließ den Moment wirken, bevor er weitersprach. "Ich bin dir dankbar, dass du keine Gegenleistung erwartest, um es mir beizubringen. Aber ich weiß auch, dass du es nicht akzeptieren würdest, wenn ich das einfach so annehme." Er schenkte Giuseppe ein kurzes Lächeln, bevor er wieder ernst wurde. "Doch auch abseits einer formellen Schuld werde ich dir dankbar sein und es dir vergelten, das verspreche ich dir."
Luciano richtete seinen Blick fest auf Giuseppe, seine Stimme wurde leiser, aber bestimmter. "Ich schwöre bei meinem Leben, es nicht zu verraten. Und sollte es jemals herauskommen, werde ich bestätigen, dass es einen Preis hatte, den ich noch zu zahlen habe. Es wäre noch nicht einmal eine Lüge."
Er lehnte sich leicht zurück, als ob er die Worte sacken lassen wollte, bevor er fortfuhr. "Es ist auch eine Kraft meines Blutes. Mein Erzeuger hat sie genutzt, um mit mir zu spielen und mich zu quälen." Ein Schatten huschte über Lucianos Gesicht, als er sich an diese Nächte erinnerte. Doch er fing sich schnell und sprach weiter. "Deshalb bin ich sicher, dass es eine Kraft ist, die ich vielleicht lernen könnte. Aber ich bin mir ebenso sicher, dass es einfacher ist, sie von einem Meister wie dir zu lernen, der sie täglich einsetzt." Bei den letzten Worten kehrte wieder die Leichtigkeit zurück, mit der das Treffen begonnen hatte. Das Lächeln, das er Giuseppe schenkte, war warm und einladend. In seinem Blick lagen Zuneigung und Dankbarkeit.
Luciano hielt inne, sein Blick wanderte erneut kurz zum Meer, bevor er wieder zu Giuseppe zurückkehrte. "Ich schätze deine Bereitschaft, mir zu helfen, mehr, als Worte es ausdrücken könnten. Und ich werde alles tun, um dein Vertrauen zu wahren." Seine Stimme war ruhig, aber voller Überzeugung, als er auf Giuseppes Reaktion wartete.
Re: [1111] Vom Vergessen des eigenen Selbst [Giuseppe, Luciano]
Verfasst: Mo 17. Mär 2025, 12:07
von Giuseppe
Er grinste das vertraute Monstergrinsen, das Luciano nun schon seit Jahren kannte.
Mit einem Schulterzucken nahm er Lucianos Worte hin. Das Prozedere. Die Formalitäten.
Er nickte, als Luciano seinen Schwur sprach.
Genau darum ging es.
Doch als dieser von seinem Erzeuger sprach, davon, wie er ihn mit dieser Kraft gequält hatte, weiteten sich Giuseppes Augen.
Dieser Ahmose ibn Khalid... er hatte wirklich alles getan, um sein Kind zu brechen.
Sein übergroßer Mund verzog sich leicht, dann zwang er sich zu einem Lächeln.
„Heute kümmern wir uns um dich.“
Seine Stimme war ruhig, doch bestimmt.
„Er mag versucht haben, dich zu brechen, aber du stehst aufrecht vor mir.“
Er grinste. Ignorierte den "Meister". Fragte sich einen Moment, ob Luciano glaubte, solche Worte wären notwendig. Doch dann erinnerte er sich daran, was Luciano durchgemacht hatte.
„Das sind die besten Voraussetzungen, um zu lernen, was du lernen möchtest.“
Sein Blick glitt über das Meer. Den Mond. Das ferne Rauschen der Wellen.
Rosmarin.
Salz.
Algen.
Von weiter unten ertönte das leise Schuhu von Marco. Die kleine Eule saß in einem Baum, wachsam, bereit, sie zu warnen, falls jemand näherkam.
Giuseppe lächelte. Spürte die Vertrautheit dieses Ortes.
Hoffte, dass Luciano es genauso empfand.
„Um anderen ein anderes Gesicht zu zeigen, musst du für kurze Zeit vergessen, wer du bist.“
Seine dunklen Augen ruhten auf Luciano.
„Du musst ein anderer sein. Oder niemand. Musst den Gedanken festhalten und lautlos in die Nacht schreien.“
Das kleine Monster hielt inne, ließ die Worte in die Stille gleiten.
„Doch um zu vergessen, wer du bist, solltest du es dir deiner selbst erst bewusst machen. Damit du dich nicht in der Maske verlierst. Damit du später zurückfinden kannst.“
Sein Blick wanderte erneut über das Meer, die Geräuschkulisse aus Wind, Wellen und fernen Stimmen.
„Zu viele haben sich in dieser Kraft verloren und vergessen, wer sie waren.“
Eine kurze Pause. Dann:
„Deshalb sind wir heute hier.“
Er sah Luciano an, ließ ihm Raum.
„Mach dir bewusst, wer du bist. Stell dir vor, was du sein möchtest. Wo du herkommst, was dich ausmacht.“
Giuseppe lehnte sich zurück, gab ihm Zeit.
„Du kannst es laut aussprechen oder in Gedanken tun. Manchmal hilft es, über die Fragen zu sprechen, die du dir über dich selbst stellst. Doch es ist genauso richtig, darüber zu schweigen.“
Er ließ die Worte wirken.
„Nimm dir Zeit. Konzentriere dich auf das Hier und Jetzt. Dann geh zurück in deine Vergangenheit und erkenne, wer du bist.“
Re: [1111] Vom Vergessen des eigenen Selbst [Giuseppe, Luciano]
Verfasst: Mo 17. Mär 2025, 15:41
von Luciano Boccanegra
Die Worte Giuseppes trafen Luciano wie ein Schlag. Sein Blick wanderte zu den dunklen Wellen des Meeres, doch er schien durch sie hindurchzusehen, auf eine ferne, unsichtbare Stelle gerichtet. Der Klang von Giuseppes Worten hallte in ihm nach, als ob sie ein Echo in den tiefsten Ecken seines Geistes gefunden hätten. Giuseppe sprach von Selbstvergessen, von dem notwendigen Schritt, sich in der Maske zu verlieren – und allein diese Vorstellung ließ eine kalte Angst in Luciano aufsteigen, die schwerer wog als die Nacht, die sie umgab.
Er schluckte, seine Kehle trocken, während er versuchte, die Kontrolle über den Sturm in seinem Inneren zu bewahren. Die Erinnerung an die Nächte mit seinem Erzeuger, an die grausame Art, wie dieser versucht hatte, ihn zu brechen, kam wie ein Schatten über ihn. Es war nicht nur der Schmerz oder die Qual – es war die alles verschlingende Dunkelheit des Vergessens, die Ahmose ihm aufzuzwingen versucht hatte. In diesen Nächten hatte Luciano nur ein Werkzeug gehabt, um sich selbst zu retten: die Erinnerung daran, wer er war.
Jetzt, in Giuseppes Gegenwart, forderte die Welt ihn auf, genau das aufzugeben. Seine Hände ballten sich zu Fäusten, bevor er sie zitternd zwang, sich wieder zu öffnen. „Ich…“ begann er, die Stimme brüchig. Doch die Worte blieben ihm im Hals stecken, sein Blick suchte unsicher den von Giuseppe.
„Der Gedanke macht mir Angst,“ gab Luciano schließlich zu, seine Worte kaum mehr als ein Flüstern, das die kühle Brise davontrug. „Jenes Vergessen…“ Er hielt inne, biss die Zähne zusammen, während er gegen die Beklemmung in seiner Brust ankämpfte. „Es war alles, was ich hatte – mich an mich selbst zu erinnern, um nicht zu… verschwinden. Und jetzt soll ich das aufgeben? Was, wenn ich nicht zurückfinde? Was, wenn ich mich darin verliere?“
Luciano hob zögernd den Kopf, sein Blick traf den von Giuseppe. Noch immer zitterte er leicht, doch in seinen Augen flackerte ein schmaler Streifen von Entschlossenheit. „Sag mir… wie ich zurückfinde. Wenn ich das tue. Wenn ich falle. Sag mir, dass es einen Weg zurück gibt.“ Seine Stimme war keine Forderung, sondern die bittende Hoffnung eines Mannes, der den Sprung in die Leere wagt, solange jemand ihm die Möglichkeit verspricht, jemals wieder den Boden zu erreichen.