[1123] Homines sumus [Nicolo, Epifania]

Wenn die Sonne hinter das Appenningebirge sinkt, kriechen die Verdammten aus ihren Löchern. Dies sind ihre Geschichten.

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Epifania
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[1123] Homines sumus [Nicolo, Epifania]

Beitrag von Epifania »

Nicolo - dieser Name war immer wieder im Fluss verschiedener Gespräche aufgetaucht, hatte das Interesse der greulichen Alten geweckt, nur um sich dann ihrem Zugriff wieder zu entziehen. Oh, sie wusste, wo sie ihn finden konnte, im Haus der Heilung, das hatte sie herausgefunden. Aber wann immer sie dort aufgetaucht war und sich vorsichtig erkundigt hatte, hieß es nur freundlich, dass der besagte Nicolo nicht zugegen wäre. Nein, man wisse nicht, wann er zurückkehren werde. Ob sie denn ein Leiden hätte?

Aber das Leiden, welches Epifania umtrieb, war nicht körperlicher Natur. Seid sie in Genua angekommen ist, hatten ihre Gespräche mit den neuen Gesichtern dort in ihr eine Neugierde geweckt. Stets war sie in ihrem Handeln ihrem Gewissen gefolgt. Das Tier in ihr hatte dagegen gestritten und jeder Sieg war ein kleiner Triumph ihrer Menschlichkeit über ihre bestialischen Triebe. Doch nun hatte sie von anderen Wegen gehört, vom Glauben, von der Pflicht und - nicht zuletzt - davon, dass manche Kinder Kains der Bestie im Inneren freien Lauf ließen. Nicht, dass sie an der Richtigkeit ihres Tuns zweifelte, aber sie fühlte, dass ihr Festhalten an alten Gewohnheiten nicht länger so natürlich erschien wie noch vor einigen Jahren... oder waren es Jahrzehnte?

Nicolo war in ihrem Kopf zu mehr geworden als nur einem Kainskind. Er war ein Aschepriester, so hatte sie gehört, und Priester besaßen Antworten, war es nicht so? Nicolo, das war der Schlüssel zum Schrein der Geheimnisse ihres eigenen Selbst. Ob der Salubri diesen hehren Vorstellungen gerecht werden konnte, war dabei zweitrangig, wie es so oft ist, wenn eine Person mit all ihren Fehlern auf ein Podest gestellt wird, überhöht im Schein der Fantasie.

So klopfte Epifania im nunmehr vierten Jahr ihres Aufenthalts in Genua wieder an die Pforte des Hauses. Sie erwartete keine andere Antwort als zuvor. Warum auch? Ein Mysterium scheint stets süßer, bevor das hässliche Licht der Wahrheit darauf scheint. Das Kribbeln, welches bei der Erwartung über den Rücken läuft. All die möglichen Pfade, die sich in der Finsternis der Zukunft verzweigen, all die ungesagten Versprechen. Welche Realität könnte dem gerecht werden? So stand sie dort, nachtträumend, gehüllt in die falsche Gestalt einer Greisin und wartete.
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Nicolo Trevisan
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Re: [1123] Homines sumus [Nicolo, Epifania]

Beitrag von Nicolo Trevisan »

Dieses Mal lag etwas anderes in der Luft, anders als bei den letzten erfolglosen Malen, die Epifania hier gewesen war. Die Nacht war wolkenverhangen. Doch sorgte ein kräftiger Wind dafür, dass die Wolkendecke immer wieder aufriss und der Mond durchschien. Wodurch das Casa dei Guaritori in ein eigentümliches Licht gehüllt wurde, wenn auch nur für kurze Zeit.

Es war ein schlichtes, aber robustes Gebäude aus grobem Mauerwerk. Seine Wände bestanden aus einer Mischung aus Bruchstein und Ziegeln, mit Spuren von Reparaturen und Ausbesserungen, die auf seine lange Nutzung hindeuteten. Das Dach war mit schweren, witterungsgegerbten Ziegeln gedeckt, die in heißen Sommern die Hitze abhielten und in kühleren Monaten Schutz vor den oft stürmischen Winden des nahen Meeres bieten sollten.

Die Fassade des Gebäudes wirkte auf den ersten Blick schlicht, doch sie war zweckmäßig gestaltet: Eine breite Holztür mit eisernen Beschlägen diente als Haupteingang. Die Tür, schwer und knarrend, wie sie war, hielt dennoch die Kälte der Nacht draußen. Links und rechts des Eingangs wuchsen Rankenpflanzen an den Mauern empor, teilweise in geordneten Mustern, teilweise wild – möglicherweise ein Zeichen dafür, dass hier Kräuterwissen und Naturverbundenheit eine Rolle spielten.

Hinter einigen Fensterläden war ein Lichtschein von Öllampen zu sehen. Zweifelsohne kümmerten sich hier wohl Heiler auch des Nachts um ihre Patienten, doch so war es auch die letzten Male gewesen.

Dieses Mal allerdings wurde die Tür von einem ihr noch unbekannten Mann geöffnet. Er war nicht klein zu nennen, überragte die meisten anderen Männer wohl aber doch nur um wenige Zentimeter. Ein bärtiges Gesicht blitzte aus den Schatten einer Kapuze hervor, und kurz waren zwei dunkle Augen zu erkennen, die tiefgründig, aber beruhigend – geradezu gutmütig – blickten. Gekleidet war er in einer hellen Cotte, und über seinen Schultern hing ein blauer Kapuzenumhang. An seinem Gürtel hing eine alte, doch gut gepflegte Tasche, aus der einige Werkzeuge ragten, die eindeutig auf das Handwerk des Medicus hindeuteten.

Der Blick des Mannes verblieb einen Augenblick auf der Gestalt des alten Weibes – diesem war jedoch nichts Abschätzendes zu entnehmen. Es schien eher so, als wolle der Mann direkt ermitteln, ob jemand vor ihm stand, der die Dienste eines Medicus selbst brauchte oder der einen holen sollte.

Nach diesen kurzen Augenblicken sprach er mit einer tiefen, aber angenehmen Stimme:
„Seid gegrüßt, werte Donna. Was kann ich für Euch zu solch später Stunde tun?“

Erwartungsvoll blickte er sein Gegenüber an.
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Epifania
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Re: [1123] Homines sumus [Nicolo, Epifania]

Beitrag von Epifania »

Die vom Zahn der Zeit gezeichnete Fassade hatte der Nosferatu schon bei ihrem ersten Besuch gefallen. Auch wenn sich das Gebäude besser gehalten hatte als die Haut der Alten war da doch ein Gefühl geistiger Verwandtschaft. Dieses Haus hatte viel mitgemacht, viel Leid gesehen. Dennoch stand es weiter hier, half denjenigen, die Schutz darin suchten. Das konnte man respektieren.

Als sich die Tür öffnete, fiel das Licht auf die Gestalt, die im Schein der Lampen zu schrumpfen schien, bis nichts blieb als eine verhutzelte, äußerst hässliche Greisin. Dünnes weißes Haar fiel über die runzelige Stirn und in dem Mund, der sich zu einem schiefen Lächeln verzogen hatte, waren gelbe Zähne zu sehen - dort, wo sie nicht bereits ausgefallen waren. Die Augen jedoch schielten den Bärtigen freundlich an.

"Gott zum Gruß, guter Herr", krächzte sie mit einer Stimme, die jede Krähe beschämt hätte. "Verzeiht die Störung, mh, aber ich hatte gehofft, den guten Herrn Nicolo hier zu treffen. Es geht um eine private Angelegenheit, ja."

Ein Blick auf die Alte verriet dem welterfahrenen Beobachter weiteres: Sie musste vom Land stammen, denn ihre Kleidung war von schlichter, bäuerlicher Art und ihr Rücken von jahrelanger schwerer Arbeit gebeugt. Andererseits war da der Gürtel, an dem ein Büschel Kräuter hing, das einem Heiler sicherlich nicht fremd war - Salbei, wenn nicht alles täuschte - und in dem ein Messer steckte, welches sich sicher gut zum Schneiden von Pflanzen eignete. Den Hals zierte ein Kreuz aus Holz, das erstaunlich kunstfertig geschnitzt war.

Alles in allem machte sie einen völlig harmlosen Eindruck - das Ergebnis jahrelanger Übung.
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Nicolo Trevisan
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Re: [1123] Homines sumus [Nicolo, Epifania]

Beitrag von Nicolo Trevisan »

Für einen Augenblick schien der Mann bei der Erwähnung des Namens zu verharren, dann fuhr langsam die linke Hand zu seinem Bart und kratzte ihn kurz.
"So, so den Herrn Nicolò möchtet Ihr sprechen. Nun denn, folgt mir."
Zunächst ging es durch einen kurzen Flur, der in einem rechteckigen Raum mündete.
Die Decke jenes Raumes wurde von soliden Holzsäulen gestützt, deren dunkles, geöltes Holz einen angenehmen Kontrast zu den steinernen Wänden bildeten. Der Boden bestand aus groben Steinplatten, die sich durch jahrzehntelange Nutzung glatt getreten hatten. Entlang der Wände standen einfache, aber stabile hölzerne Krankenbetten, jedes mit einem Strohsack und einer dünnen Decke versehen. Um den Patienten etwas Privatsphäre zu bieten, waren zwischen den Betten leichte Leinenvorhänge gespannt. Kleine vergitterte Fenster ließen wohl tagsüber spärliches Tageslicht herein, während nun Öllampen in Wandnischen für eine gedämpfte, beruhigende Beleuchtung sorgten. Momentan waren vier der Lager zugezogen und wohl ein Heiler ging auf eine der Nischen zu. Es war Husten und unruhiges hin- und herwenden aus den Nischen zu vernehmen.

Der Mann drehte sich kurz zur alten um, murmelte "hier entlang" und führte sie statt in den Hauptraum, einen weiteren kurzen Gang entlang zu einer schmalen hölzernen Treppe nach oben.
Dort angekommen ging er in einen großen Raum, der spärlich von einer Öllampe beleuchtet war.

Der Raum war schlicht, aber funktional eingerichtet und es gab mehrere schmale Fenster, um die Winterkälte fernzuhalten, doch tagsüber ausreichend Sonnenlicht einzulassen, um den Raum in ein sanftes Halbdunkel zu tauchen. Momentan spendeten Öllampen an den Wänden und auf einem der schmalen Holztische Licht. Ein unverkennbarer Geruch von Pergament, Tinte und getrockneten Kräutern lag stets in der Luft.

Im Zentrum des Raumes stand ein langer Holztisch, auf dessen Tischplatte Schreibutensilien lagen.
An einer Wand hing eine grobe Zeichnung des menschlichen Körpers, angefertigt nach den Lehren des Galen. Sie zeigte die Vorstellung des Inneren eines Körpers nach Lehre der alten Griechen und die wichtigsten Adern, mit sorgfältigen Anmerkungen zur Säftelehre, die das Gleichgewicht von Blut, Schleim, gelber und schwarzer Galle als Grundlage der Gesundheit erklärte.

Daneben standen einfache Holzregale, welche mit Büchern und weiteren Schriftrollen für den Unterricht gefüllt werden konnten.
Dem gegenüber standen mehrere schlichte Holzliegen, die wohl für praktische Unterweisungen genutzt wurden.

„Willkommen im Casa dei Guaritori. Bitte nehmt Platz, wenn Ihr wünscht." Dabei deutete er in Richtung des Tisches, schloss die Tür, sofern sie den Raum betrat und zog seine Kapuze vom Kopf. Womit das Gesicht eines recht gewöhnlich aussehenden Italieners enthüllt wurde, dem es das Leben wohl gut gemeint hatte. Jedenfalls war keine Narbe oder ähnliches zu sehen, jedoch ein unübersehbarer Knoten auf der Stirn.

Noch einmal betrachtete er sein gegenüber aufmerksam und irgendwie wissend, dabei ging ein feiner Hauch von ihm aus – etwas, das an das knospende Erwachen des Lebens im Frühling erinnerte. Dieser Hauch war fast federleicht. Und doch drang er tief – in jenem innersten Teil, der der Verdammnis und dem Tier trotzte.

Es war, als würde eine sanfte Welle von ihm ausgehen, die eine Erinnerung weckte – leise, still, an ein Leben vor dem Hunger: an Vertrauen, an Geborgenheit und daran, wie es ist ein Mensch zu sein.*
Es war ein kurzer Moment des Innehaltens und der Stille in einer stürmischen Zeit, der jedoch verging als sich Nicolò in die Nähe jenes beleuchteten Tisches begab und dort Platz nahm. Dabei achtete er darauf der Öllampe nicht zu nahe zu kommen. Er richtete seine Augen und Aufmerksamkeit wieder auf Epifania.
"Also in welcher Angelegenheit wünscht Ihr mich denn zu sprechen und woher kennt ihr meinen Namen?"

______________________
*
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Epifania
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Re: [1123] Homines sumus [Nicolo, Epifania]

Beitrag von Epifania »

Als ihr klar wurde, dass der Mann sie dieses Mal nicht abweisen, sondern tatsächlich zu Nicolo führen würde, öffnete sich der Mund der Alten ein wenig und sie trippelte aufgeregt hinter ihm her. In den Raum mit den Kranken ging sie gar auf den Zehenspitzen, wohl um niemanden zu stören, wobei sie recht schamlos und neugierig das Arrangement der Betten betrachtete. Offenbar gab es daran ihrerseits wenig auszusetzen, denn sie nickte nur hier und dort mit dem Kopf, murmelte zustimmende Worte, bevor sie ihrem Führer nacheilte.

In dem Raum mit dem Schreibtisch angekommen, wurde ihr Blick sogleich von dem Bild des menschlichen Körpers eingenommen. Das Weiblein eilte darauf zu, offensichtlich verzückt von dem Werk, und studierte mit großen Augen das Innere des gezeichneten Menschen. Sie streckte eine Hand aus, wie um das Pergament zu berühren, beschränkte sich dann aber darauf, den Weg der Adern in der Luft nachzuvollziehen. Die Schrift dagegen ignorierte sie völlig. "Dort, da... hn-hn-hn..." Zunächst konnte man denken, es sei ein raues Husten, der sich ihrer Kehle entrang, doch dann wandte sich ihr Kopf und auf den runzligen Zügen stand unverkennbar Fröhlichkeit. "Was für ein herrliches Bild, ja..."

Sie eilte, hopste beinahe zum Stuhl hinüber, stolperte kurz über ihr Kleid, aber fing sich im letzten Moment. Im Sitz angekommen, faltete sie die Hände und blickte neugierig umher - wo Nicolo wohl erscheinen würde? Und welche Farbe hatte so ein Priestergewand der Kinder der Nacht? Rot? Schwarz? Die Aufregung stand ihr ins Gesicht geschrieben und auch wenn dieses alt, blass und runzlig war, so wirkte es in diesem Moment doch beinahe wieder jung - und sehr lebendig.

Als sich ihr Führer nun aber als der Gesuchte zu erkennen gab, da schossen ihre Augenbrauen in die Höhe und sie purzelte fast wieder aus ihrem Sitz, als sie sich rasch erhob. "Ihr... oh, verzeiht, oh..." Sie neigte ihren Kopf, tief - zu tief vielleicht - und leckte sich die vertrockneten Lippen. "Ich danke euch für eure Zeit, wohlwerter Nicolo, mh, vielen Dank, ja, also, der wohlwerte Lucian, er..." Sie unterbrach sich und machte eine Pause, legte die Hand auf das Kreuz an ihrem Hals und drückte dieses fest.

"Nein, also: Mein Name ist Epifania, mh, Neugeborene der Verborgenen, das Kind der Donna Saggia. Ich bin erfreut euch kennenzulernen." Keine reine Höflichkeitsformel - es war auf ihrem verwitterten Gesicht deutlich zu lesen, das nun so breit grinste wie ein Honigkuchenpferd. "Oh, und wie ich sagte, es war der wohlwerte Lucian, der von euch sprach. Ja." Wieder eine Pause, als sie nach Worten suchte. "Nun... ich bin hier weil ich Fragen habe?"
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Nicolo Trevisan
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Re: [1123] Homines sumus [Nicolo, Epifania]

Beitrag von Nicolo Trevisan »

Nicolò betrachtete sie mit einem gewissen Funkeln in den Augen, ob der Begeisterung, die sie für das Bild empfand. Er nickte einmal kurz, aber entschlossen und vollführte eine Geste mit der Hand, die das Thema wohl erst einmal zurückstellen sollte. Doch auch in seinem Gesicht stand ehrliches Interesse an ihrer Reaktion und weiteren Erläuterungen dazu geschrieben.

Bei dem folgenden Schauspiel lachte Nicolò einmal kurz auf und vollführte eine abwinkende Bewegung mit der Hand.
"Ihr braucht Euch nicht zu entschuldigen, den Namen Nicolò führe ich jedoch nur noch unter unsereins, daher..." Er beließ den Satz so und erhob sich stattdessen selbst, während seine Gesichtszüge ernster wurden. Die Freundlichkeit blieb jedoch in seiner Mimik erhalten.
"Nicolò Trevisan, Neugeborener des Clans Salubri,
Aschepriester der Via Humanitatis, Ratsmitglied Genuas,
Kind von Eleazar, Ancilla vom Clan Salubri,
aus der Linie Mokurs vom Blute Saulots.“

Er nickte ihr knapp zu, setzte sich selbst hin und deutete wieder auf die Bank.
"Nun Fragen habe ich auch viele, aber wie kann ich Euch bei den Euren helfen."
Wieder war in seinen Augen das gewisse funkeln zu sehen.
"Mir ist aufgefallen, wie Ihr die Krankenlager begutachtet, auch Eurer Interesse an dem Bild - von dem Kräuterbündel ganz zu schweigen, lässt darauf schließen, dass Ihr ebenfalls eine Heilkundige seid. Gehen Eure Fragen in diese Richtung?"
Er zögerte kurz, bevor er hinterher setzte,
"oder doch in jene andere, derer ich mich verschrieben habe? Ihr erweckt nicht den gleichen Eindruck, wie andere unserer Art."
Nicht das sich Nicolò darin von ihr Unterschied, mochte er es doch offenbar das Offensichtliche auszusprechen.
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Epifania
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Re: [1123] Homines sumus [Nicolo, Epifania]

Beitrag von Epifania »

"Mh... wie soll ich euch nennen, wenn andere zugegen sind, wohlwerter Nicolo?" Offenbar war sie pragmatisch veranlagt, wie auch ein kurzer Blick zur Tür unterstrich. Dann lauschte sie andächtig seiner Vorstellung und er sah, wie ihre Lippen sich leise bewegten, wie um sich die edlen Namen einzuprägen. "Ihr seid sehr aufmerksam", sagte sie dann leise. "Ich bin keine Gelehrte, mh, das nicht, aber ich tue das meine, um den Menschen da draußen auf dem Lande zu helfen. Salben, ja, und Verbände und Hilfe bei der Niederkunft - sofern sie nachts geschieht, natürlich - und dann noch dies und das, die alten Gebete, kleine Amulette mit den Heiligen, mh, mein Sohn stellt sie her, was eben hilft, gesund zu bleiben."

Sie faltete die Hände in ihrem Schoß. "Aber obgleich ich sicher bin, dass ich vieles von euch lernen könnte, bin ich nicht deswegen gekommen, nein. Nein, ich... nun, ich will euch ein wenig über mich erzählen. Ich stamme aus der Domäne Asti, mh, wo ich lange mit meiner Erzeugerin gelebt habe. Dort bin ich auch freigesprochen worden. Doch vor einigen Jahren ist der Krieg mit den Tedesci immer näher gerückt, immer näher. Einige Kainskinder sind einfach verschwunden. Andere, nun, man hat noch einen Teil von ihnen gefunden. Daher bin ich hierher gekommen, um Frieden zu finden, hn-hn-hn..." Wieder dieses kratzige Lachen, aber diesmal lag keine Freude darin. "Ich wusste weder vom Krieg mit Pisa noch von der Lazarusseuche, mh, aber nun gut, es ist was es ist."

Die scheinbare Seniorin schüttelte den Kopf. "Nun, aber... ich bin in den, mh, knapp vier Jahren, die ich in Genua nun zugebracht habe, vielen neuen Gesichtern begegnet. In Asti habe ich andere eher gemieden, ja, aber hier nicht... und ich habe so einiges gelernt, über die verschiedenen Wege, denen andere folgen. Ich habe darüber nie viel nachgedacht. Meine Erzeugerin, sie... folgte sicherlich einem anderen Weg, aber ihr höchstes Gut war die Freiheit und sie ließ mir die meine. Und ich habe getan, was mir richtig erschien. Aber nun höre ich vom Weg des Himmels, von Königen und sogar jenen, die dem, mh, Tier seinen Willen geben, ja. Der wohlwerte Lucian nannte euch als jemand, der meinem Weg folgt, aber ich frage mich mehr und mehr..." Sie schwieg und schüttelte den Kopf. "Warum? Warum tue ich was ich tue wenn ich nicht mehr bin, was ich war? Es erscheint mir richtig, weiterhin richtig. Aber ist es das?"
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Nicolo Trevisan
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Re: [1123] Homines sumus [Nicolo, Epifania]

Beitrag von Nicolo Trevisan »

"Die Menschen hier kennen mich als Matteo Trevisan, jedoch stellen mir die Heiler hier ebenso Nachrichten an meinen eigentlichen Namen zu."
Nicolò lehnte sich etwas zurück, schwieg für einen Moment, während er Epifania aufmerksam betrachtete. Seine Hände ruhten dabei auf der Bank.
Schließlich brach er das Schweigen.
"Ich habe mich einst auch nicht als Gelehrter gesehen, auch wenn ich eine gewisse Bildung erhalten habe. Mit der Zeit ändert sich vieles und inzwischen hat sich mein Blickwinkel dahingehend verschoben. Ich wäre sehr an euren alten Gebeten interessiert und vielleicht können wir uns auch über Kräuter und Amulette austauschen. Beherrscht ihr das lateinische? In Sprache und in Schrift?"

Auch Nicolò faltete nun die Hände ineinander und legte sie mit einer ruhigen, fließenden Bewegung vor sich ab.
"Frieden zu finden ist ein hehres Ziel, ein Wunsch den ich teile. Doch war es stets turbulent in Genua, soweit ich das sagen kann, mit Ausnahme ein paar weniger Jahre. Dennoch ist Genua zu Wohlstand gekommen und vielen geht es weitaus besser als früher, trotz der momentanen Bedrohungen."
Er räusperte sich kurz.
"Ich danke Euch für Eure offenen Worte. Ich bin einst als Sterblicher auf Handelsreisen durch Asti gezogen, doch muss ich gestehen, dass ich mich nicht wirklich an Eure Heimat erinnere, es ist zu lange her..."
Es schien so, als würde Nicolò das tatsächlich aufrichtig bedauern, dann jedoch schüttelte er kurz den Kopf - wohl um sich auf das hier und jetzt zu konzentrieren.

"Der werte Lucian hat recht. Ich folge der Via Humanitatis, also unserem Weg. Jedoch nicht auf dem Hauptpfad sondern auf einem eher weniger bekannten Unterpfad, nämlich der Via Anima oder auch Pfad des Odems genannt. Dennoch stehe ich allen auf der Via Humanitatis als Aschepriester zur Verfügung."
Er schaute sie aufmerksam, ob dieser Begriff ihr etwas sagte oder eben nicht, bereit dies später bei Bedarf genauer zu erörtern.
"Ich kann Euch über all diese Wege etwas erzählen, wenn ihr mögt. Aber bevor ich das tue und bevor ich weiter über unseren rede, lasst mich Euch selber Fragen stellen: Weshalb erscheint es Euch richtig, wie ein Mensch zu agieren und was daran um genau zu sein? Vielmehr noch was seht Ihr als falsch an oder lässt Euch zweifeln?"

Er nahm seine Hände in einer beruhigenden Geste nach oben, dabei redete er sanft und beruhigend weiter.
"Macht Euch keine Sorgen, ich will Euch nicht prüfen. Auch wird nichts diesen Raum verlassen. Darauf habt Ihr mein Wort, doch möchte ich mehr von Euch verstehen, denn nur so kann ich Eure Fragen wahrhaftig beantworten."
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Epifania
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Re: [1123] Homines sumus [Nicolo, Epifania]

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Epifania senkte den Kopf. "Nein, nein... draußen auf dem Land ist die Schrift nicht wirklich von Bedeutung. Auch wenn der wohlwerte Mordecai freundlicherweise angeboten hat, mich diese zu lehren, mh. Aber dafür muss sich Zeit finden, ja, und es gibt so vieles zu tun. Allein die Wege, nächtens von Pontedecimo hierher, es ist eine weite Strecke." Sie schüttelte den Kopf. "Und ich kann meinen kleinen Cocco nicht ewig allein lassen, auch wenn er ein guter Junge ist, ja, ein guter Junge."

Die Nosferatu lauschte mit höchstem Interesse seinen Worten zu den Wegen und runzelte die Stirn, als er vom Pfad des Odems sprach. Ihr Blick wanderte zu seiner Brust, so als würde sie darauf lauern, dass sich diese hob. "Ich wäre höchst interessiert, mh, aber ich habe einen Gedanken. Es gibt einen weiteren Anhänger unseres Weges hier in Genua, den werten Tomaso aus der Familie der Tiere, ein Krieger, der sich aber als Verteidiger der Schwachen sieht. Auch er hatte Fragen zu unserem Weg. Vielleicht wollt ihr ihn hinzuziehen? Ein Austausch zu dritt scheint mir noch fruchtbarer."

Auf seine letzten Fragen lächelte sie freundlich. "Ich will euch gerne erzählen, was ich denke, auch wenn ich nicht weiß, ob es das ist, was ihr meint. Als ich das erste Mal in meiner Brust das, mh, Tier spürte, da hat mich nur der Gedanke an das, was ich erlebt habe - und was ich andere Menschen habe erleiden sehen - zurückgehalten. Was in uns ist, kümmert sich nicht um Leid. Aber Gott hat uns nicht als Tiere erschaffen. Ich liebe vielleicht meinen Nächsten nicht immer wie ich sollte, aber ein Leid zufügen will ich ihm sicherlich nicht! Und daran habe ich mich geklammert. Ihr wisst, wie viel Blut bei einer Geburt... mh, nun, ich habe mit mir gehadert."

Sie biss sich auf die Lippe. "Würde ich Mutter und Kind nicht gefährden, wenn ich entbinde? Aber ich bin gut darin. Rette Leben, die sonst nie auf diese schöne Erde gekomme wären! Und so musste ich einen Weg finden. Ich entbinde nicht, wenn ich hungrig bin. Und ich halte mich an meinem Mitgefühl fest. Das Tier kennt keine anderen. Ich, ja, ich schon. Ich bin mehr als das Tier. Niemandem will ich schaden. Es gibt genug Leid in dieser Welt." Sie machte eine Pause. "Aber ich habe nie, mh, gedacht, dass ich dabei auf einem Weg wandele... es ergibt Sinn, ich bin kein Mensch mehr, aber dennoch, es scheint einfach richtig. Ja!" Ein entschlossener Ausdruck lag auf den alten, hässlichen Zügen.
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