[1125] Unter den Mauern Kanaans [Jacopo, Epifania]

Wenn die Sonne hinter das Appenningebirge sinkt, kriechen die Verdammten aus ihren Löchern. Dies sind ihre Geschichten.

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Jacopo
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Re: [1125] Unter den Mauern Kanaans [Jacopo, Epifania]

Beitrag von Jacopo »

Jacopo nickte langsam.

„Darin liegt wohl Wahrheit.“


Eine Weile schwiegen sie und setzten ihren Weg durch die schmalen Gassen fort. Über ihnen ragten die Häuser dicht an dicht empor und nahmen dem Mondlicht fast jede Möglichkeit, den Boden zu erreichen.

„Ein alter Priester erzählte einst in meinem Heimatdorf die Geschichte vom Prediger Kohelet. Er sprach davon, dass zwei besser daran seien als einer. Wenn einer falle, richte ihn der andere wieder auf. Und wehe dem, der allein ist, wenn er fällt und niemand da ist, ihm aufzuhelfen.“


Ein flüchtiges Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Damals hielt ich das für einen Rat an Eheleute oder Brüder. Heute glaube ich, dass der alte Mann etwas anderes meinte.“

Sein Blick glitt durch die nächtliche Straße.

„Der Wald lehrt einen, allein zu überleben. Unsere Gesellschaft lehrt einen, dass Überleben allein nicht genügt.“


Er dachte einen Moment nach.

„Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich heute Nacht hier bin. Nicht weil ich die Stadt suche, sondern weil ich vermeiden möchte, eines Nachts zum Fremden in einem Land zu werden, dessen Bewohner meinen Namen nie gehört haben.“


Er sah zu Epifania hinüber.
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Epifania
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Re: [1125] Unter den Mauern Kanaans [Jacopo, Epifania]

Beitrag von Epifania »

"Oh, es ist sicher gut, auch auf sich allein gestellt zurechtzukommen", überlegte die Hässliche. "Oft genug ist man ja dazu genötigt, mh, aber mir ist aufgefallen, dass ihr nicht einmal alleine wart, bevor wir uns heute getroffen haben... euer alter Freund vor den Mauern ist ja ebenfalls Gesellschaft." Wieder winkte sie ihn in eine kleine Gasse, drückte sich an zwei alten Fässern vorbei, die zur Hälfte mit schmutzigem Wasser gefüllt waren. "In jedem Fall scheint mir euer Preister oder dieser Prediger, wer auch immer sich die Geschichte ausgedacht hat, ein weiser Mann, jaja, denn ganz alleine wird man sicher auch nicht glücklich."

Sie traten aus der Gasse heraus und traten zwischen ältere Häuser. "Das hier ist Domus, mh, man riecht es, nicht wahr?" Der Geruch der Gerbergruben war in der Tat unverkennbar. "Abdecker, Gerber, Scharfrichter, ja, das Handwerk hier ist nicht das was man ehrenhaft nennen würde", sagte sie leise. "Aber es ist ehrlich, immerhin." Eine kurze Pause. "Verlangt es euch danach, dass man euren Namen kennt, wohlwerter Jacopo? Genua sieht jeden Tag Fremde, aber nur die wenigsten werden hier berühmt."
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Jacopo
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Re: [1125] Unter den Mauern Kanaans [Jacopo, Epifania]

Beitrag von Jacopo »

Jacopo verzog das Gesicht leicht, als der Geruch der Gerbergruben durch die Straßen zog, doch nur für einen Augenblick. Es war kein angenehmer Ort, aber ihm war klar, dass Wert und Schönheit nicht immer dasselbe Gewand trugen.

„Ehrlich ist vielleicht wichtiger als ehrenhaft.“

Sein Blick wanderte zu den Häusern und den Werkstätten.

„Ein Fürst lässt seinen Namen in Stein schlagen. Ein Baumeister errichtet eine Kirche. Ein Handwerker gibt sein Wissen an seinen Sohn weiter.“

Er schwieg einen Moment und blickte dann zu Epifania.

„Vielleicht versuchen sie alle dasselbe: Etwas zurück zuzulassen.“

Ein leichtes Lächeln erschien auf seinen Lippen.

„Ich glaube, nur wenige Wesen sind wirklich zufrieden mit dem Gedanken, eines Tages einfach zu verschwinden, ohne dass irgendjemand weiß, dass sie je gelebthaben.“

Sein Blick ging zurück zu den Straßen von Domus.

„Manche hinterlassen Mauern. Manche Bücher. Manche Kinder. Manche nur eine Geschichte, die jemand am Feuer weitererzählt.“

Eine kurze Pause folgte.

„Vielleicht ist das einer der Gründe, warum unsereins so seltsam ist. Uns wurde mehr Zeit gegeben als den Menschen... und dennoch fürchten viele von uns am Ende dasselbe.“

Er lächelte schwach.

„Vergessen zu werden.“

Dann schüttelte er leicht den Kopf.

„Aber ob Genua eines Tages meinen Namen kennt? Das liegt nicht an mir allein. Ein Name, den man selbst in die Welt schreit, ist wenig wert. Die Namen, die andere weitertragen... das sind jene, die bleiben.“
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Epifania
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Re: [1125] Unter den Mauern Kanaans [Jacopo, Epifania]

Beitrag von Epifania »

"Gott sieht euch, wohlwerter Jacopo, vergesst das nicht. Gott sieht alles was ihr tut und er erinnert sich eurer guten Taten", erinnerte ihn die Nosferatu freundlich, nicht belehrend. "Auch wenn dieses Leben manchmal schwer ist und es scheint, dass die Last zu groß wird, gibt es doch Seinen Plan." Sie wich einem Haufen Unrat aus. "Ich hoffe natürlich dennoch, dass eure guten Taten auch hier auf Erden Würdigung finden." Sie hielt inne. Blickte nach links, nach rechts, murmelte leise etwas vor sich hin, entschied sich dann für die Gasse linkerhand.

"Wenn ich fragen darf: Auf welche Weise wollt ihr der Domäne dienen, mh? Ihr sagt, ihr lebt viel außerhalb der Städte. Seid ihr ein..." Sie blickte an ihm herauf und herunter, wobei er zum ersten Mal in die Höhlen schauen konnte, in der einst Augen gewesen sein mussten. Nun war dort nur glänzende Schwärze zu sehen "...ein Wildhüter, mh?"
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Jacopo
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Re: [1125] Unter den Mauern Kanaans [Jacopo, Epifania]

Beitrag von Jacopo »

Jacopo schwieg einen Moment länger als gewöhnlich.

Die Worte der Nosferatu schienen ihn tatsächlich zum Nachdenken gebracht zu haben.

„Glaubt Ihr das wirklich?“


Seine Stimme war ruhig, ohne Spott oder Herausforderung.

„Dass Gott noch auf unsere Taten blickt? Dass er in uns mehr sieht als den Fluch, den wir tragen?“


Er sah zu ihr hinüber.

„Viele würden sagen, unser Urteil sei längst gesprochen. Dass unsere Seelen mit dem Kuss verloren gingen und alles, was danach kommt, nur noch ein langer Weg durch die Nacht ist.“


Ein schwaches Lächeln folgte.

„Ich weiß nicht, ob sie recht haben.“


Für einen Moment beobachtete er die dunklen Straßen Genuas.

„Aber vielleicht wäre es eine größere Sünde, nichts Gutes mehr zu tun, nur weil man glaubt, selbst nicht mehr gerettet werden zu können.“


Dann wandte er sich ihrer Frage zu.

„Ein Wildhüter?“


Er musste leise lachen.

„Pietro würde diese Beschreibung vermutlich eher verdienen als ich.“


Er dachte darüber nach.

„Ich war der Sohn eines Landadligen. Ich kenne die Jagd, die Wälder und die Menschen, die dort leben. Aber ich glaube nicht, dass ich mich selbst als Jäger sehe.“


Eine kurze Pause.

„Vielleicht eher als jemanden, der versucht, Ordnung dort zu bewahren, wo niemand sonst hinsieht. Die großen Herren schützen ihre Mauern, ihre Straßen und ihre Häfen. Aber zwischen diesen Orten gibt es viele Menschen, die vergessen werden.“


Er lächelte leicht.

„Ich erzähle Geschichten. Ich vermittle Streit. Ich jage, wenn es notwendig ist. Manchmal beschütze ich jene, die keinen Beschützer haben.“


Sein Blick ging zurück zu Epifania.

„Aber Ihr habt mir nun viele Fragen beantwortet und ich stelle fest, dass ich wenig über Euch weiß. Wenn Ihr es mir erlaubt: Auf welche Weise dient Ihr der Domäne?“
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Epifania
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Re: [1125] Unter den Mauern Kanaans [Jacopo, Epifania]

Beitrag von Epifania »

"Ich habe keine Zweifel", sagte Epifania mit fester Stimme. "Es mag sein, dass wir alle eine Sünde in uns tragen, mh, da wir, nun, sind was wir sind. Aber ist das nicht gerade, was Gottes Gnade ausmacht? Dass er Sünden vergibt, wenn wir ehrlich bereuen und uns mühen? Ja. Nein, ich habe keine Zweifel."

Etwas leiser fügte sie hinzu. "Wenn ich zweifle, dann an meinen Taten, mh. Daran, dass ich genug tue, um Seine Güte zu verdienen." Er konnte sehen, dass sich das Maul der Alten zu einer Grimasse voller spitzer Zähne verzog. Ein trauriges Lächeln, vielleicht? "Was ihr sagt, klingt, als hättet auch ihr euch Gottes Werk verschrieben, ja. Wenn ihr vermittelt, mh, das tut auch die Eidwahrerin. Ihr könntet sie einmal aufsuchen?"

Auf seine Frage nach ihr schien sie sich ein wenig zu winden, beinahe schüchtern. "Oh, was ich tue, mh, es ist nicht viel, nein. Ich sorge mich um die Kranken in den Dörfern, ja, und um die werdenden Mütter. Halte ein Ohr offen, hier und da. Nichts, was der Rede wert wäre."
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