[1113] Fleck an der Wand [Dragan, Luciano]

[Mai '25]

Moderator: Ilario

Benutzeravatar
Dragan
Gangrel
Beiträge: 38
Registriert: Mo 28. Apr 2025, 16:57

[1113] Fleck an der Wand [Dragan, Luciano]

Beitrag von Dragan »

Die Nacht lastete schwer auf den dichten, engen Gassen des alten Viertels. Der Himmel hing tief, wolkenverhangen und schwanger mit Drohung. Noch regnete es nicht. Aber der Regen war da. In der Luft. In der Spannung. In den Adern der Mauern. Der ferne Schein vereinzelter Öllichter warf brüchiges Gold auf die feuchte Haut der Häuser, deren Mauern sich so nahe standen, dass sie einander die Sünden zuflüsterten. Über den Dächern flackerte es – ein fahler Blitz, der mehr andeutete als zeigte. Der Donner kam langsam. Langsam wie etwas Altes, das aus dem Schlaf geholt wurde.

Es war die Stunde, in der ehrbare Männer in ihren Betten lagen – und andere, die von Ehre nichts wussten, erwachten. Der Sestiere Domus and der Grenze zu Clavicula war kein Ort für Unschuld. Selbst die Stille hier wirkte nicht wie Frieden, sondern wie das Einziehen eines Raubtiers vor dem Sprung. Der Geruch von Fisch, warmem Eisen, nasser Wolle und zu vielen Körpern in zu wenigen Räumen hing süßlich im Kopf. Ein tropfender Balken, das ferne Aufprallen eines alten Eimers auf Pflaster. Geräusche, die sich wie flüchtige Stimmen verhakten.

In einem schmalen Durchgang zwischen zwei Häusern, dort, wo sich der steinerne Boden in bröckelndem Sand verlor, zeichnete sich eine Silhouette ab – kaum mehr als ein Schatten, der aus der Dunkelheit selbst zu bestehen schien. Barfuß, mit dem Rücken an eine der Mauern gelehnt, ruhte dort eine Gestalt, halb verborgen hinter einer gestapelten Lade aus leerem Weinholz und rostigem Eisen. Der Körper regte sich nicht. Keine hastige Bewegung. Kein Atem. Kein Puls. Nur wer aufmerksam genug war – oder töricht genug, sich auf das Pflaster zu wagen – konnte erkennen, dass dort ein Auge offen war. Es war kein Blick, der suchte. Sondern einer, der wusste. Der Mantel der Gestalt war feucht – vom Nebel, vom Tau oder von Dingen, über die die Gassen nicht reden würden. Zwischen den Zehen sammelte sich schwarzer Schmutz, den kein Regen jemals fortspülen konnte. Ein fuchsroter Fleck aus getrocknetem Blut – oder Farbe? – hatte sich tief in den Saum gebrannt.

Ein zweiter Blitz. Näher. Der Schatten zuckte nicht.

Ein Vorübergehender hätte ihn übersehen. Oder bemerkt – und beschleunigt. Denn Dragan bewegte sich nicht wie ein Teil der Zivilisation. Eher wie etwas, das von draußen hineingetreten war. Aus einer Welt, die noch nicht zwischen Steinen eingesperrt ist. Der Wind kam in Böen. Er roch nach Hafen, nach Salz, nach etwas Bitterem. In seinem Aufstieg zerrte er an den Lumpen der Wäscheseile, hob schmutziges Wasser aus Pfützen, ließ es platschen – und brachte Stimmen mit sich. Keine lauten. Keine klaren. Aber das Tier in Dragan hörte sie. Ein Schritt, und er hätte das Pflaster verlassen. Zwei, und er hätte verschwunden sein können. Aber er blieb. Die Stille war sein Schild. Und sein Zahn.

In diesem Moment war er ein Teil der Stadt, ohne ihr zu gehören. Wie der Fleck an der Wand, den niemand übermalt, weil er eine Geschichte erzählt, die keiner hören will.
Benutzeravatar
Luciano Boccanegra
Jünger des Seth
Beiträge: 670
Registriert: So 5. Jan 2025, 15:35

Re: [1113] Fleck an der Wand [Dragan, Luciano]

Beitrag von Luciano Boccanegra »

Luciano glitt durch die Gassen Genuas, verborgen unter dem Mantel der Verdunklung, ein stummer Beobachter in einer Stadt, die nie wirklich schlief. Die Nacht war schwer, drückend, erfüllt mit einer Spannung, die sich nicht greifen ließ—eine Unruhe, die sich in den dichten Schatten der engen Straßen sammelte.

Luciano zog lautlos durch die engen Gassen, sein Körper verborgen unter dem Mantel der Verdunklung, während die Stadt um ihn herum ihre nächtliche Sprache sprach. Ein stummer Beobachter in einer Stadt, die nie wirklich schlief. Die Nacht war schwer, drückend, erfüllt mit einer Spannung, die sich nicht greifen ließ—eine Unruhe, die sich in den dichten Schatten der engen Straßen sammelte. Das Flüstern von Schritten auf feuchtem Stein, das leise Klirren einer Flasche irgendwo in der Ferne, das gedämpfte Gemurmel zweier Stimmen, die sich in einer dunklen Ecke trafen—alles war Teil des großen, atmenden Organismus, den Genua in der Nacht wurde.

Er hatte keine Spur, keinen gezielten Weg. Doch manchmal war das ziellose Streifen durch die Straßen genau das, was nötig war. Es war eine Übung. Eine Jagd ohne Beute. Eine Suche nach Dingen, die nicht gesucht werden konnten.

Dann sah er ihn.

Der Regen lag in der Luft, noch zurückgehalten, aber spürbar in jeder feuchten Steinplatte unter seinen Füßen. Die Stadt war voller Geräusche, doch sie waren gedämpft, geduldig—das vereinzelte Knarren von hölzernen Balken, das Klirren eines Kruges auf einem Fensterbrett, das Flüstern von Stimmen, irgendwo hinter einer schweren Tür verborgen.

Dann sah er die Gestalt.

Sie war mehr ein Teil der Dunkelheit als ein Körper aus Fleisch und Knochen. Halb verborgen hinter einer gestapelten Lade aus leerem Weinholz und rostigem Eisen, den Rücken an eine Mauer gelehnt, reglos. Keine hastige Bewegung, kein nervöses Zucken. Er erkannte sofort, dass dies keine gewöhnliche Person war—kein betrunkener Hafenarbeiter, kein verlorener Händler auf dem Weg zurück in sicherere Viertel.

Luciano verharrte.

Die Haltung war falsch für einen Menschen. Kein natürlicher Ausdruck von Müdigkeit oder Entspannung, sondern etwas anderes. Etwas, das wartete.

Der Blitz zuckte über die Stadt, ließ für einen Moment Details sichtbar werden. Barfüßige Füße, der Schmutz tief in den Zehen, als hätte kein Wasser ihn je fortspülen können. Ein Mantel, dessen feuchter Stoff nicht nur vom Nebel oder Tau durchtränkt war, sondern von Dingen, die in diesen Straßen nicht ausgesprochen wurden.

Und dann war da das Auge.

Kein Blick, der suchte. Kein neugieriges Mustern eines Nachtwanderers. Es war ein Blick, der wusste.

Luciano spürte es sofort—dies war kein gewöhnlicher Mann, kein Straßenbewohner, kein verlorener Händler auf dem Weg nach Hause.

Dies war jemand, der nicht in diese Stadt gehörte, aber wusste, wie man sich in ihr bewegte.

Ein zweiter Blitz riss die Nacht auf, doch die Gestalt regte sich nicht.

Luciano bewegte sich nicht. Er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Keine überhastete Annäherung. Kein Wort.

Er beobachtete.

Nicht weil er zögerte. Sondern weil dies ein Moment war, in dem Eile nur Dinge zerstören konnte.
Benutzeravatar
Dragan
Gangrel
Beiträge: 38
Registriert: Mo 28. Apr 2025, 16:57

Re: [1113] Fleck an der Wand [Dragan, Luciano]

Beitrag von Dragan »

In der Ferne rollte ein Donner über die Dächer – dumpf, grollend, wie der Atem eines alten Gottes, der tief im Bauch der Erde schlief. Dragan rührte sich nicht. Keine Veränderung in der Haltung, kein Zucken unter der Haut. Doch sein Blick wanderte langsam, schwer, wie das Gewicht eines Raubtiers, das die Welt nicht sieht, sondern spürt.

Nicht suchend.

Abwägend.

Als lausche er auf etwas, das nur die Nacht selbst ihm verraten konnte. Der Regen hing in der Luft wie ein Versprechen. Noch nicht gefallen, aber schon da. Im Geruch. Im Druck. In der feuchten Kälte, die sich wie ein fremder Atem an den Nacken legte. Es war, als wolle der Regen ihn fragen, ob er kommen dürfe. Doch der Gangrel antwortete nicht. Er war aus einer Welt, in der der Himmel nicht um Erlaubnis bat. Ein Blitz zuckte über die zerfurchten Dächer, warf das schiefe Gestein, die morschen Balkone, die nassen Pflaster in ein bleiches, flackerndes Licht. Für den Bruchteil eines Augenblicks wirkte die Straße wie erstarrt – eine Bildnis der Sünde.

Dragan blinzelte nicht. Das Licht war ihm fremd, aber nicht neu.

Er roch Eisen. Er roch alten Rauch. Und etwas anderes – zu flüchtig, zu weit. Ein Hauch, vielleicht. Oder Einbildung. Seine Augen blieben offen, doch sie suchten nichts. Was sich zeigen wollte, würde das tun. Was sich versteckte, war noch nicht bereit. Der Wind drehte sich und brachte Stimmen mit sich – keine Worte, nur Fragmente. Schritte, vielleicht. Oder nur das Spiel der Tropfen auf Holz. Seine Finger zuckten nicht. Sein Atem war nicht da.

Er wartete.
Benutzeravatar
Luciano Boccanegra
Jünger des Seth
Beiträge: 670
Registriert: So 5. Jan 2025, 15:35

Re: [1113] Fleck an der Wand [Dragan, Luciano]

Beitrag von Luciano Boccanegra »

Luciano verharrte in der Dunkelheit, verborgen unter dem Mantel der Verdunklung, während der ferne Donner über die Dächer Genuas rollte—dumpf, schwer, ein Echo eines alten Gottes, dessen Atem die Stadt durchdrang.

Die Gasse war feucht, durchzogen von der Spannung des noch nicht gefallenen Regens. Es lag bereits in der Luft, in der feinen Kälte, die über die Mauern strich, in dem Druck, der sich auf die Pflastersteine legte.

Luciano beobachtete die Gestalt vor ihm.

Nicht einfach einen Mann.

Etwas anderes.

Etwas, das nicht suchte, sondern wusste.

Ein Raubtier, dessen Augen sich nicht an Licht orientierten, sondern an etwas Tieferem—an Schwingungen, an den versteckten Wegen der Nacht.

Die Haltung. Die Bewegungslosigkeit. Das Fehlen eines Atems.

Die Art, wie der Blitz über die zerfurchten Dächer zuckte und für einen kurzen Moment die Straße erhellte—und die Gestalt sich nicht rührte.

Luciano wusste, dass dies kein gewöhnlicher Sterblicher sein konnte.

Er blieb noch einen Moment in der Verdunklung verborgen, ließ die Kühle um sich herum nachklingen, bevor er eine Entscheidung traf.

Er zog sich zurück, leise, kontrolliert, und ließ langsam die Unsichtbarkeit von sich abfallen.

Dann trat er aus der Gasse. Seine Bewegungen waren ruhig, nicht herausfordernd, nicht bedrohlich. Bedächtig.

Der Wind trug Stimmen mit sich—keine Worte, nur Fragmente, das Echo der Tropfen auf Holz, das Geräusch eines ungewissen Schrittes in der Ferne.

Luciano wusste, dass er gesehen wurde. Aber noch wichtiger war: Er wollte gesehen werden.

„Ihr seid spät unterwegs, werter Herr.“

Seine Stimme war ruhig, doch bewusst gesetzt—kein bloßer Laut, sondern eine Brücke.

„Sucht Ihr etwas? Kann ich euch helfen?“

Er ließ die Frage in der Nacht stehen. Nicht drängend. Nur als Einladung.
Benutzeravatar
Dragan
Gangrel
Beiträge: 38
Registriert: Mo 28. Apr 2025, 16:57

Re: [1113] Fleck an der Wand [Dragan, Luciano]

Beitrag von Dragan »

Dragans Blick schwenkte langsam, träge wie ein Tier, das keine Eile kennt, weil es weiß, dass die Beute nicht entkommen wird. In seinen Augen spiegelte sich nichts - kein Überraschung, keine Furcht, keine Neugier. Nur eine kalte, nüchterne Berechnung. Seine Muskeln spannten sich kaum merklich unter dem feuchten Stoff seines Mantels, nicht genug für eine Bewegung, nur genug, um bereit zu sein.

„Hilfe."

Das Wort kam wie ein Fremdkörper aus seiner Kehle, rau, ungeübt. Ein Laut, der mehr nach Knurren als nach Sprache klang. Zwischen ihm und der Höflichkeit des Fremden lagen Welten. Dragan bewegte sich nicht, während er den Fremden musterte - nicht mit den Augen eines Menschen, sondern mit den Sinnen eines Wesens, das in Dunkelheit und Blut getauft worden war.

Er witterte.

Etwas an diesem Mann war falsch. Zu glatt. Zu kontrolliert. Zu... zivilisiert. Und doch: nicht menschlich. Nicht lebendig. Keine Atemwolken in der kühlen Nachtluft. Keine Bewegung des Brustkorbs. Kein Hauch von Leben. Nicht wie er selbst - aber ähnlich genug, um zu ahnen, was da vor ihm stand. Der Regen begann endlich zu fallen, erst zögernd, dann unerbittlicher. Dicke Tropfen zerplatzten auf dem Pflaster zwischen ihnen, als hätte die Nacht selbst ein Urteil gefällt. Dragan ließ das Wasser über sein Gesicht rinnen, unberührt von der plötzlichen Nässe.

„Was hilft in dieser Stadt?"

Seine Stimme wurde weicher, aber nicht freundlicher. Wie ein Messer, das man schleift. Er hatte sich noch nicht von der Mauer gelöst, noch nicht vollständig aufgerichtet. Die tierischen Instinkte hielten ihn in der Haltung eines Raubtiers, das abwägt, ob es kämpfen oder verschwinden soll.
Ein Blitz zuckte nah, gefolgt vom sofortigen Krachen des Donners. Der Gangrel zuckte nicht.

„Bist du das? Hilfe?"

Spoiler!
Benutzeravatar
Luciano Boccanegra
Jünger des Seth
Beiträge: 670
Registriert: So 5. Jan 2025, 15:35

Re: [1113] Fleck an der Wand [Dragan, Luciano]

Beitrag von Luciano Boccanegra »

Luciano ließ den Moment bestehen.

Er sah, wie sich der Blick der Gestalt langsam bewegte, nicht suchend, nicht fragend—sondern wie ein Raubtier, das bereits entschieden hatte, dass die Beute nirgendwo hingehen würde. Er erkannte die Spannung unter dem nassen Stoff des Mantels, kaum wahrnehmbar, aber dennoch da. Eine Regung, die keine Bewegung war—nur ein vorbereiteter Zustand.

Luciano spürte die dunkle Vitae in seinen Adern erwachen, ein leises Pulsieren, das sich durch seinen Körper zog—wie ein Echo eines vergangenen Lebens, das längst nicht mehr das Seine war. Es war keine hastige Bewegung, keine plötzliche Veränderung, sondern ein bewusster Akt der Kontrolle. Die Kraft, die in ihm schlummerte, wuchs mit jedem unhörbaren Herzschlag, ließ seine Muskeln geschmeidiger, seine Reflexe schärfer werden.

Gleichzeitig floss die Vitae in seine Zunge, veränderte ihre Struktur, ließ sie sich formen nach einem Willen, den kein Sterblicher je kennen würde. Unbemerkt von Außenstehenden bemerkt Luciano, wie sich die Dunkelheit der Nacht teilte und seine Wahrnehmung klarer wurde.

Er war vorbereitet. Sollte die Situation eskalieren, würde er nicht nur eine schnelle Hand, sondern auch eine scharfe Zunge haben.

Dann das Wort.

Hilfe.

Ein Fremdkörper, mehr Knurren als Sprache, roh und ungeübt.

Luciano ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen.

Er stand da, die schweren Regentropfen auf seiner Kleidung, das Geräusch des Wassers auf Stein, der ferne Donner, der die Stadt durchdrang.

Die Frage, die folgte, war keine einfache.

„Was hilft in dieser Stadt?“

Luciano schob einen Blick durch die Dunkelheit, ließ ihn an der Silhouette vor ihm haften, bevor er ruhig antwortete.

„Das kommt darauf an, wer fragt.“ Einen Augenblick später, ergänzte er „Werter Herr“.

Er ließ die Worte bewusst offen, nicht herausfordernd, sondern abwägend.

Dann kam die zweite Frage.

„Bist du das? Hilfe?“

Luciano lächelte nicht.

„Vielleicht.“

Seine Stimme war ruhig, getragen von einer Bedachtsamkeit, die nicht bloß Höflichkeit war.

„Das hängt davon ab, wer ihr seid—und was ihr sucht.“

Er ließ den Regen über sich hinweggehen, unberührt von der Nässe, die sich durch seine Kleidung fraß, und fragte sich innerlich, warum seine Begegnungen mit den schaurigen Typen immer in nasser Kleidung endete.
Benutzeravatar
Dragan
Gangrel
Beiträge: 38
Registriert: Mo 28. Apr 2025, 16:57

Re: [1113] Fleck an der Wand [Dragan, Luciano]

Beitrag von Dragan »

In der Ferne war das erste Donnergrollen näher gerückt. Das Licht über Genua zuckte kurz auf, riss Schatten aus Winkeln, in die kein Gebet reichte. Dragan rührte sich nicht. Doch das Ohr, das sich zu Lucianos Stimme neigte, war nicht das eines Höflings. Nicht das eines Mannes. Es war das Ohr eines Raubtiers. Eines, das nicht hört, was gesagt wird – sondern wie es klingt, wenn Fleisch lügt. Ein Blinzeln, langsam, fast zu träge – und doch mit dem Nachdruck eines Wesens, das jede Bewegung zählt. Dann hob sich der Kopf leicht. Nur ein bisschen. Gerade genug.

„Deine Stimme…“, kratzte es aus Dragans Kehle, mehr Nebel als Wort, „... war vorher anders.“

Ein Innehalten. Kein Angriff. Keine Drohung. Aber auch kein Zweifel.

„Zunge von hier klingt nicht so. Regen trägt andere Töne. Das da…“ – ein leises, knurrendes Laut, als suchte er das richtige Wort – „... gehört nicht in diese Gasse.“

Er trat nicht näher. Aber sein Blick wurde schwerer. Nicht feindlich. Aber prüfend. Wie ein Wolf, der überlegt, ob der Schatten, den er sieht, wirklich nur ein Ast ist. „Wenn du helfen willst… red, wie ein Mann. Nicht wie etwas, das seine Haut gewechselt hat.“ Der Regen verstärkte sich. Tropfen begannen, von den Dächern zu rinnen, sammelten sich in kleinen Rinnen, flüsterten Geschichten, die kein Mensch mehr verstand. Dragan hob leicht das Kinn. Nur einen Zoll. Aber genug, um zu zeigen, dass er wach war. Nicht aufgebracht. Aber bereit. „Ich frage nicht nach Namen. Ich frage, ob ich dich kennen muss.“ Ein Blinzeln. Dann ein fast unmerkliches, raues Schnauben. Als wollte er sagen: Oder ob du gleich wieder verschwindest.
Benutzeravatar
Luciano Boccanegra
Jünger des Seth
Beiträge: 670
Registriert: So 5. Jan 2025, 15:35

Re: [1113] Fleck an der Wand [Dragan, Luciano]

Beitrag von Luciano Boccanegra »

Luciano ließ den Regen für einen Moment über sich hinwegziehen, das leise Trommeln auf Stein und Stoff ein vertrautes Echo der Nacht.

Dann ließ er die dunkle Vitae aus seiner Zunge weichen, ließ die Veränderung sich zurückziehen, bis wieder nur das blieb, was er selbst war—kein Maskenspiel, keine fremde Färbung. Nur er.

Er neigte leicht das Haupt, nicht unterwürfig, sondern als Geste der Anerkennung.

„Niemand muss niemanden kennen.“

Seine Stimme war ruhig, getragen von der Klarheit einer einfachen Wahrheit.

„Aber ob man sich kennen sollte, das ist eine andere Frage.“

Er ließ die Worte in der Dunkelheit stehen, zwischen ihnen, bevor er eine Spur ernster fortfuhr.

„Besonders, wenn ihr auch ein werter Herr vom Blute seid.“

Luciano hielt den Blick des Fremden einen Moment lang, keine Herausforderung, kein Zögern—nur die offene, ruhige Feststellung dessen, was wahrscheinlich war.
Heute Nacht, vielleicht.
Oder in einem anderen Sturm.
Benutzeravatar
Dragan
Gangrel
Beiträge: 38
Registriert: Mo 28. Apr 2025, 16:57

Re: [1113] Fleck an der Wand [Dragan, Luciano]

Beitrag von Dragan »

Der Regen schien schwerer zu werden. Tropfen sammelten sich in den Ritzen der alten Steine, liefen in dunklen Fäden über das verwitterte Pflaster wie Blut über eine schiefe Klinge. Der Donner war jetzt näher – dumpfer, tiefer, als würde etwas in der Tiefe dieser Stadt atmen. Dragan bewegte sich nicht. Nur die Augen, schmal und dunkel, folgten der Geste des anderen. Kein blinzelndes Erkennen. Kein Nicken. Nur das stumme Spüren eines Windes, der plötzlich eine Richtung gewechselt hatte.

„Zunge klingt wieder richtig,“ kam es rau, beinahe tonlos. „Besser so.“

Eine Pause. Nicht höflich. Nicht feindselig. Nur wie jemand, der weiß, dass Worte selten Beute bringen. Als Luciano von „Herr vom Blute“ sprach, blieb Dragans Blick reglos. Kein Zucken. Kein Widerspruch. Aber die Stille veränderte sich. Wie ein Blatt, das sich dreht, weil der Wind sich anders legt. Schließlich kam eine Antwort. Leise. Kratzend. Eher gedacht als gesprochen.

„Ihr atmet nicht.“

Ein Satz. Kein Urteil. Keine Anklage. Nur das, was war. Dann ein kurzes, flaches Zucken im Mundwinkel. Ein Lächeln, das nie freundlich war – aber ehrlich. „Ich jage, wenn ich muss. Rede, wenn’s nicht anders geht. Frag nicht, wenn ich’s nicht wissen will.“ Ein Schritt – kein Vorwärts, kein Rückzug. Nur eine Verlagerung des Gewichts, wie ein Tier, das prüft, ob der Boden unter ihm noch trägt. Der Blick, der folgte, war kein Blick unter Gleichen. Sondern wie der eines Raubtiers, das in einem anderen Raubtier den Spiegel sieht – aber noch nicht den Feind. Ein raues, kehliges Geräusch – vielleicht ein Lachen. Vielleicht nur das Echo eines Gedankens, den Worte nicht tragen konnten. Er bewegte sich nicht, aber der Regen rann nun in kleinen Rinnsalen von seiner Stirn, sammelte sich an der Spitze seiner Nase, fiel tropfend auf den Stein wie Bluttropfen, die längst getrocknet waren. Dann, nach einem Moment: „Manche reden zu viel. Du nicht.“ Ein kaum merkliches Nicken.

„Das ist gut.“
Benutzeravatar
Luciano Boccanegra
Jünger des Seth
Beiträge: 670
Registriert: So 5. Jan 2025, 15:35

Re: [1113] Fleck an der Wand [Dragan, Luciano]

Beitrag von Luciano Boccanegra »

Luciano stand still, das gleichmäßige Trommeln des Regens auf Stein und Dach wirkte fast beruhigend inmitten der dichten Dunkelheit. Die Worte des anderen Mannes hallten noch in der Luft nach, rau wie feuchtes Holz im Feuer, voller Schweigen und Witterung.

Luciano erwiderte das Nicken mit einem leichten, kaum merklichen Neigen des Hauptes. Keine Geste der Unterwerfung, sondern stiller Respekt unter Raubtieren, die sich gegenseitig nicht unterschätzen.

„Ich lerne noch, wann Schweigen mehr sagt als Worte.“

Er ließ seinen Blick für einen Moment an der regennassen Wand entlanggleiten, wo das Dunkel schwer in den Fugen hing wie getrocknetes Blut.

„Ich höre erst, bevor ich rede. Und manchmal ist Zuhören gefährlicher als Schweigen.“

Die Worte klangen nicht wie ein Spruch, sondern wie etwas, das er aus Erfahrung gelernt hatte.

„Ich weiß nicht, wonach Ihr sucht. Oder ob Ihr sucht.“

Ein feines Zucken an den Mundwinkeln, kaum sichtbar.

„Aber ich bin nicht hier, um Euch daran zu hindern. Doch vielleicht kann ich helfen, wenn ich weiß, was es ist.“ Er ließ seine Worte einen Moment wirken, bevor er fortfuhr. „Auch ihr scheint nicht zu atmen.“

Der Regen rann weiter.

„Wenn Ihr mich duldet, bleib ich einen Moment.“

Nicht als Einladung. Nicht als Bitte. Nur als Umstand.
Gesperrt

Zurück zu „1113“