Schicksale - sterbliche NSCs

Das Gefolge der Dunkelheit: Die Männer, Frauen und Monster in den Schatten lauernd und ihre Handlanger.
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Schicksale - sterbliche NSCs

Beitrag von Il Canzoniere »

Die "Schicksale" sind sterbliche NSC. Also Leute die ihr anspielen könnt. Einfach nur um des Schreibens willen und mal euren Char spielen zu können ohne die kainitische Politik oder die Etikette im Nacken zu haben. Eine Spielgelegenheit für Fluff und euren Charakter besser kennen zu lernen, aber auch die Gassen und das Umland Genuas.

Ihr könnt mit ihnen umgehen wie mit normalen NSC. Wenn sie euch sehr reizen könnt ihr sie auch wegcatchen und ghulen oder gar beim Prinzen das Zeugungsrecht beantragen, sie ermorden oder sie eurem Kult zuführen. Ihr könnt sogar, Gott bewahre, euch einfach mit ihnen unterhalten oder gar anfreunden. Es sind eure Spielfiguren. Interaktion mit der sterblichen Welt, behaltet nur die sechste Tradition im Hinterkopf ;-).

Da die SL-Kapazität für solcherlei Dinge bekanntlich ja ziemlich niedrig ist, hatten wir gedacht sie auch von Spielern (also euch) bespielen zu lassen. Wir werden dafür zeitnah einen eigenen Account anlegen, dessen Passwort ihr euch bei uns abholen könnt, wenn ihr ein wenig schreiben wollt.

Wir haben nun im folgenden einige Beispielcharaktere die wir, je nach Spielverlauf, ergänzen, rausnehmen oder abändern werden, wenn die Zeit voranschreitet. Ihr dürft euch gerne auch noch mehr wünschen oder uns eigene Vorschläge unterbreiten. Jetzt nicht unbedingt "den Priester von Santa Genua im Norden der Stadt" den ihr gerade in nem OOC bearbeitet aber "einen Priester" sehr gerne. Es soll hierbei um Fluff und den gemeinsamen Spaß am Schreiben gehen.
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Ser Ranerio della Volta - verwundet zurückgekommener Ritter

Beitrag von Il Canzoniere »

Der geadelte Kriegsruin - lebend beerdigt im eigenen Haus

Er kämpfte in Levante, verlor ein Bein, ein Auge und den Glauben. Jetzt sitzt er in seinem Haus über dem Hafen, Tag und Nacht ein Becher in der Hand, die Fenster vernagelt, weil er „Dinge draußen atmen“ hört. Er hat noch immer eine Truhe voller persönlicher Dinge, die nicht zugestellt wurden - letzte Dinge von Männern, die nie heimkamen. Manchmal verkauft er soetwas an Witwen, gegen Wein.

Er glaubt, Gott schweigt - also muss es etwas anderes geben, das spricht.

"Ser Ranerio della Volta wirkt wie einer, der lange vor dem Tod zu wandeln begann. Wenn er in Ravecca eine Kneipe betritt, senken sich selbst die Stimme der Adeligen - nicht aus Ehrfurcht, eher aus jener angespannten Rücksicht, die man einem erschöpften Tier entgegenbringt, das noch beißt. Sein Haar ist sauber, sein Mantel stets ordentlich, seine Handschuhe neu - und doch haftet ihm etwas Abgelebtes an, als wäre er nicht gut erhalten, sondern still zerfallend.

Sein Italienisch trägt einen fremden Akzent, den er nie ablegte, obwohl er seit langem in Genua weilt. Er grüßt immer korrekt, aber nie warm. In seinen Augen liegt ein ständiges, müdes Urteil über die Welt: nicht Empörung, nicht Zorn - bloß die Enttäuschung eines Menschen, der zu oft recht behalten hat. Seine Unterkunft ist ohne Überfluss, aber gepflegt mit der Zähigkeit eines Mannes, der wenigstens die Ordnung halten will, wenn schon nichts anderes hält. Er sitzt oft lange wach, die Hände ineinandergelegt, den Blick auf einen Punkt gerichtet, den niemand sonst sieht.

Es heißt, er sei einst in Jerusalem zu Gast bei den Großen gewesen, eh er in Genua hängen blieb - nicht verbannt, doch nie wieder eingeladen. Diese Biographie hängt über ihm wie ein Geruch: ein Mann, der einst geglänzt hat und seither im Schatten weiteratmet. Er spricht selten von damals. Wenn es jemand doch wagt, blinzelt er nur langsam, als müsse er sich in die Gegenwart zurückschieben und sagt dann mit jener spröden Bitterkeit, die keine Aggression braucht, um zu schneiden:

„Was man verliert, verliert man nicht noch einmal. Man gewöhnt sich daran.“

Nachts geht er durch die engen Gassen zum Hafen und bleibt dort stehen, wo die Brandung gegen die Mauern schlägt. Man sieht ihn nicht beten, nicht fluchen, nicht trinken. Er steht nur da, und das Meer scheint für einen Moment nicht wild zu tosen, sondern mit ihm zu schweigen - wie mit einem, der schon vor langer Zeit gelernt hat, dass nicht mehr viel kommt. Und dennoch bleibt er, nächtlich, wach, an seinem Posten in der Enklave. So, als hätte irgendwer ihm einst befohlen, nicht zu sterben - und er gehorcht noch immer."


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Simeone detto “Il Miracolato”

Beitrag von Il Canzoniere »

Der Leprakranke mit Besonderheit

Simeone detto „Il Miracolato“ sitzt jeden Abend auf denselben Stufen, als wäre er Teil des Steins geworden. Die Kapuze tief, der Schleier dünn wie Staub, der Atem ein Zittern. Seine Bandagen riechen nach Öl und alter Gnade. Er bettelt nicht. Er spricht kaum. Aber wenn er es tut, wendet sich jedes Ohr ihm zu – und jedes Herz versucht, nicht zu glauben, was es hört.

Seine Worte kommen nicht wie Prophezeiungen, sondern wie beiläufige Erinnerungen an etwas, das längst beschlossen ist. „Du wirst nicht schlafen, bis du bereust.“ – „Das Kind in deinem Haus gehört nicht dir.“ – „Der Sturm wird das Schiff nicht nehmen, aber den Sohn.“ Manchmal lacht er danach leise, als habe er sich selbst überrascht. Dann verstummt er wieder, lange.

Man sagt, er habe einst im Siechenlager von San Marcellino gelegen, von Lepra zerfressen, doch nicht gestorben. Die Heiler nannten es ein Wunder. Die Priester nannten es Prüfung. Seit jener Nacht, heißt es, höre er Stimmen in den Glocken und sehe Schatten im Weihrauch. Und was er sieht, nennt er nicht Lüge, aber auch nicht Wahrheit.

Kinder werfen ihm Brot hin, Frauen bekreuzigen sich, Männer gehen auf die andere Straßenseite. Selbst Hunde halten Abstand, als spürten sie etwas, das nach Staub und Unheil riecht. Doch manche kommen heimlich, knien sich ein paar Schritte entfernt und warten, dass er etwas sagt. Nur ein Wort, das sie richten oder retten könnte.

Kainiten, die ihn passieren, spüren ein Kältegefühl, das nicht von der Nacht kommt. Sein Blick – soweit man ihn unter Schleier und Schatten sehen kann – scheint sie zu durchdringen, ohne Urteil, ohne Furcht. Als wüsste er, dass sie schon lange tot sind, und als täte ihm das leid.

Er lebt von Almosen, aber nie von Gnade. Er schläft nie im selben Winkel zweimal. Er sagt, die Toten sprächen noch – wir seien nur zu taub, um sie zu hören. Und manchmal, wenn die Kirchentüren sich öffnen und das Abendlicht auf ihn fällt, schwören einige, sein Gesicht leuchte durch den Schleier wie ein verbranntes Heiligenbild, das noch nicht beschlossen hat, ob es Segen oder Fluch sein will.


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Capitano Vasilis di Chios

Beitrag von Il Canzoniere »

Chef eines gestrandeten Schiffes mit Strandräuber-Gemeinschaft

Capitano Vasilis di Chios ist kein Mann, der noch an das Meer glaubt – aber er kennt es. Er spricht von ihm, wie ein Witwer von seiner toten Frau spricht: ohne Zorn, aber mit einer Ruhe, die mehr sagt als Klage. Seine Haut ist grau wie Treibholz, das lange im Wasser lag, und seine Hände riechen stets nach Salz, egal, womit er sie wäscht.

Vor drei Wintern zerschellte sein Schiff an der Küste, ein Fehler, sagt man – aber keiner weiß, ob er ihn beging oder nur ertrug. Seitdem lebt er unter dem gekippten Leib seines eigenen Untergangs. Zwischen morschen Balken und schwankenden Laternen hat er sich ein Reich aus Schatten geschaffen. Kein Thron, keine Krone – nur Ordnung. Und selbst diese wirkt brüchig wie die Planken über seinem Kopf.

Er herrscht über Männer, die nichts mehr zu verlieren haben: Gestrandete, Verstoßene, Sünder. Niemand wagt, ihn „Kapitän“ zu nennen, wenn er es hören kann. Sie nennen ihn „Vasilis“, als wäre es ein Gebet, das man nicht ganz versteht. Er spricht wenig, richtet mit Gesten, mit Blicken. Wenn er schweigt, ist das Urteil gesprochen. Wenn er lächelt, weiß man, dass jemand verschwinden wird.

Seine Kaschemme – kaum mehr als ein hohler Bauch aus Holz und Dunkelheit – ist Zuflucht für jene, die Dinge verkaufen, die nicht existieren dürften. Dort handeln Männer mit Reliquien ohne Heilige, mit Münzen ohne Herkunft, mit Sünden ohne Reue. Das Meer dringt manchmal durch die Ritzen und legt eine dünne Haut aus Salz über alles – selbst über die Gesichter.

Es heißt, Vasilis schlafe nie. Er sitzt in der Nähe des Kiels, den Rücken an den geborstenen Mast gelehnt, das Ohr an die Planke, als lausche er auf etwas unterhalb der Flutlinie. Manche behaupten, er höre die Stimmen der Ertrunkenen. Andere sagen, er warte nur darauf, dass das Meer ihn endlich zurückholt.

Und doch – wer ihn sieht, spürt, dass er nicht mehr auf Erlösung wartet. Nur auf Gleichgewicht. Auf den Moment, in dem alles, was er verloren hat, wieder in die Tiefe sinkt. Denn dort unten, sagt er, sei noch Ordnung. Nur wir hier oben hätten sie vergessen.


Die Kaschemme, die seine Männer nur „Der Bauch“ nennen, ist weniger ein Ort als ein Zustand. Man erreicht sie nur bei Ebbe, über rutschige Felsen und schmale Planken, wo das Meer bereits wieder atmet. Zwischen den vermorschten Spanten hängt der Geruch von nassem Hanf, kaltem Rauch und verfaulendem Tang – ein Atem aus Holz und Salz. Zwei Laternen brennen dort, niemals mehr, niemals weniger. Ihr Licht ist schwach und flackert, als wolle es nicht gesehen werden.

Die Wände sind mit Segeltuch ausgekleidet, das aus alten Schiffen stammt – darauf Spuren von Symbolen, die keiner mehr liest. Der Boden ist uneben, manchmal steht Wasser knöcheltief. In Fässern liegen Waren, die niemand besitzen sollte: Seide, Reliquien, geraubte Briefe, Menschenhaare, Tierblut in kleinen Töpfen. Wenn jemand spricht, dann leise, fast ehrfürchtig – nicht aus Angst vor Entdeckung, sondern vor Störung.

Man sagt, wer in diesem Raum lügt, dessen Stimme klingt dumpf, als spräche er unter Wasser. Und manchmal tropft von der Decke kein Wasser, sondern etwas anderes – dichter, dunkler. Niemand fragt. Niemand wischt es weg.

In der Mitte steht ein grober Tisch aus Schiffsplanken. Dort sitzt Vasilis, unbewegt, die Hände auf dem Holz, als halte er den Rumpf selbst davon ab, wieder in die See zu kippen. Wenn man die Kaschemme verlässt, bleibt der Salzgeschmack im Mund. Und das Gefühl, man habe an einem Ort getrunken, an dem das Meer noch zuhört.


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Romanos Chalkites

Beitrag von Il Canzoniere »

Einsamer Künstler am Strand

Romanos Chalkites lebt dort, wo das Meer die Küste frisst – zwischen den Steinen, auf denen das Salz wie Schorf kristallisiert. Er hat keine Werkstatt, nur ein windschiefes Zelt aus Segeltuch und Treibholz. Sein Körper ist schmal wie ausgedörrt, die Haut von Sonne und Salz gegerbt, die Lippen vernarbt zu einer Narbe, wo einst Worte wohnten. Niemand weiß, ob er seine Zunge verlor oder sie freiwillig gab – an wen, darüber schweigt das Meer, wie über alles, was es behält.

Er malt mit einer Andacht, die mehr von Buße hat als von Kunst. Schiffswachs, Fischöl, Blut – das sind seine Farben. Seine Hände zittern nicht, doch in jeder Bewegung liegt etwas Gequältes, als wüsste er, dass jede Linie ein Stück Seele kostet. Seine Ikonen zeigen Heilige mit kalten, starren Augen, die den Betrachter fixieren, als wollten sie ihn prüfen. Selbst in der Dämmerung leuchten sie, feucht wie frisch gemalt – und wer zu lange hinsieht, spürt ein Ziehen in der Brust, wie Heimweh nach etwas, das nie existierte.

Er verkauft seine Werke nicht. Man muss sie sich nehmen. Und er lässt es zu. Pilger, Diebe, Verlorene – sie kommen nachts, barfuß, von den Klippen herab, kriechen zu seiner Hütte. Romanos sieht sie kommen, hebt kaum den Blick. Er malt weiter, während sie die Ikonen stehlen. Manche sagen, das sei Teil seines Werkes: dass jede gestohlene Ikone erst durch Diebstahl geheiligt wird.

Am Morgen steht er am Ufer, wo die Wellen die Farbe von Blut annehmen. Er hält die Hände ins Wasser, spült sie, als täte er Buße für etwas, das er doch immer wieder tun muss. Und wenn die Sonne über dem Meer aufgeht, sieht es manchmal aus, als stünden ihm Tränen in den Augen – aber vielleicht ist es nur das Salz.


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Elisabetta

Beitrag von Il Canzoniere »

Tavernensängerin

Die „Locanda dei Tre Scalmi“ ist tagsüber nichts weiter als ein feuchter Zufluchtsort für Fischer und Hafenarbeiter – der Geruch von Tang, Rauch und altem Wein hängt in den Balken, das Stroh ist immer nass, die Tische schief, das Licht ein schmutziges Grau. Doch wenn die Nacht fällt und der Wind vom Meer hereinkriecht, geschieht etwas, das die Stammgäste längst als unaussprechlich hinnehmen: Elisabetta beginnt zu singen.

Sie steht meist am Ende des Raumes, neben dem Kamin, die Hände ruhig, die Augen halb geschlossen. Keine Laute begleitet sie – keine Trommel, kein Becherklang. Und doch füllt ihre Stimme den Raum, als würde das Haus selbst mitatmen. Es ist kein Gesang, wie man ihn von Sterblichen kennt: zu rein, zu fern, zu schwer von Erinnerung. Sie singt nicht Worte, sondern Bilder – kaltes Wasser, das über Steine läuft, das Aufblitzen von Sonne im Sturm, das Herzklopfen eines Kindes, das zum letzten Mal den Himmel sieht.

Wenn sie singt, hört man draußen selbst die Möwen schweigen. Männer, die sich sonst prügeln oder fluchen, sitzen dann da, als wären sie wieder Knaben. Sie selbst spricht kaum. Tagsüber ist sie höflich, doch abwesend, als gehöre sie nicht ganz hierher. Ihr Blick bleibt oft auf der See, als lausche sie jemandem, den nur sie hört. Die Alten erzählen, sie sei als Kind ertrunken – drei Tage habe man sie gesucht, dann trieb sie wieder ans Ufer, bleich, mit offenen Augen. Seitdem, sagen sie, singe sie mit einer Stimme, die nicht mehr ganz die ihre sei. Manche nennen sie gesegnet, andere verflucht.

Und doch – jedes Mal, wenn sie singt, füllt sich die Taverne. Niemand wagt zu stören. Denn wer einmal ihr Lied gehört hat, trägt es in sich wie ein stilles Gebet, das nicht endet, wenn die Nacht vergeht.


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Niketas Komnenos - genannt „ho Basilikós“

Beitrag von Il Canzoniere »

Herr der kleinen byzantinischen Enklave in Domus, die sich erst in den letzten Jahren gebildet hat.

Niketas Komnenos, genannt ho Basilikós, ist eine jener Figuren, die man nicht zufällig trifft, sondern deren Anwesenheit man zu spüren beginnt, bevor man sie sieht. In einem Raum, wo er sitzt, verändert sich die Luft – dichter, stiller, fast ehrfürchtig. Selbst die Ungebildeten, die kein Wort seiner Sprache verstehen, senken instinktiv die Stimme, wenn er spricht.

Er sitzt stets erhöht: auf einer Kiste, einer Bettkante, einem geborstenen Schiffsbalken, der ihm wie ein Thron dient. Nie steht er auf, nie begibt er sich zu anderen herab. Sein Mantel aus blassem, abgetragenem Seidenstoff fällt in weichen Falten – das letzte Relikt eines Lebens, das er nie vergessen will. Seine Hände, schmal und gepflegt, bewegen sich präzise, als setzten sie noch immer Siegel auf kaiserliche Edikte. Die Fingernägel sind poliert, seine Bewegungen gemessen, als gehorchten sie einem unsichtbaren Protokoll.

Er spricht ausschließlich Griechisch, in langen, kunstvoll verschachtelten Sätzen, die sein junger Dolmetscher – Manuel, so nennt er ihn – in ein einfaches, fast bäuerliches Italienisch überträgt. Niketas hört diesen Übersetzungen stets mit reglosem Gesicht zu, als lausche er einem verzerrten Echo. Man hat ihn nie direkt mit einem „Fremden“ sprechen hören. Er wendet den Blick ab, wenn jemand ihn anspricht, und antwortet über den Dolmetscher, selbst dann, wenn der Fragende direkt vor ihm steht.

In der kleinen, byzantinischen Enklave in Domus – einem verworrenen Gewirr aus alten Lagerhäusern, abgerissenen Vorhängen und mit Ikonen bemalten Wänden – gilt Niketas als eine Art geistiger Herr. Händler, die mit dem Osten verhandeln wollen, bringen ihm Pergamente, die er übersetzen lässt: griechische Briefe, liturgische Gesänge, alte Seehandelsverträge. Er verlangt keine Münze, nur Achtung – und das Versprechen, die Wahrheit seiner Abstammung nicht anzuzweifeln.

Er behauptet, ein Vetter eines kaiserlichen Hauses zu sein – betrogen, enteignet, im Exil gestrandet. Manche halten ihn für wahnsinnig, andere für gefährlich. Doch selbst jene, die ihn belächeln, geben zu: Wenn er spricht, trägt seine Stimme die Ruhe und Schärfe eines Mannes, der Befehlen gewohnt war.

Er isst nie in Gesellschaft. Er rührt keine Frau an. Nach Einbruch der Dunkelheit hört man ihn manchmal leise in seiner Kammer singen – alte Hymnen aus Konstantinopel, deren Melodie zwischen Stolz und Trauer schwebt.

In Genua sagen manche, er sei kein Mann, sondern ein Schatten einer verlorenen Welt. Ein Kaiser ohne Reich, der noch immer an seinem Thron sitzt – nur dass der Thron längst zu schwanken begonnen hat.


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Ser Gioele

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Kammerherr des Freiherren von Bavari

Ser Gioele bewegt sich wie jemand, der die Stille liebt – oder sie erfunden hat. Wenn er einen Raum betritt, verändert sich etwas Unsichtbares darin: Gespräche verlieren an Klang, Bewegungen werden kleiner, als fürchte man, bemerkt zu werden. Er ist kein Mann, der laut wird. Er braucht es nicht. Ein einziger Blick, dieser schmale, konzentrierte Schnitt seiner Pupillen, genügt, um einem den Mut zu nehmen, weiterzureden.

Er trägt stets Schwarz – ein feines, fast seidenes Schwarz, das kein Staub zu trüben scheint. Seine Handschuhe legt er nie ab, selbst in der drückenden Hitze des Hochsommers nicht. Man sagt, er habe Narben an den Fingern. Andere sagen, die Haut darunter sei makellos – und das sei das Beunruhigende. An seinem Gürtel hängt ein schwerer Bund aus Schlüsseln, jeder anders geformt, keiner beschriftet. Wenn er sich bewegt, erklingt ihr leises, metallisches Wispern, wie das Gespräch toter Dinge.

Er spricht selten über den Freiherrn, für den er dient – Ser Ludovico di Campofregoso, den man nie sieht, nie hört, nur spürt in der Abwesenheit. Doch Gioele verhandelt in seinem Namen, verwaltet seine Güter, lädt Gäste in sein Haus – und lässt sie glauben, es sei das Haus eines anderen. Die Feste, die dort stattfinden, sind rauschend, prachtvoll, von einer gezügelten Ausschweifung, die keinen Fehltritt duldet. Man sagt, Gioele lächle nie, doch wer ihn reden hört, versteht, dass er es nicht muss: sein Tonfall ist ein Lächeln, scharf wie Glas.

Niemand weiß, was ihn an der Seite des unsichtbaren Freiherrn hält – oder was ihn dort schützt. Manche glauben, er habe etwas gegen seinen Herrn in der Hand; andere, dass er selbst der wahre Hausherr sei. Die Stadtwache lässt das Anwesen ungestört, und wenn jemand verschwindet, nachdem er dort zuletzt gesehen wurde, sagt man nichts.

Nachts, wenn das Haus längst leer ist, soll man aus den oberen Räumen ein leises Murmeln hören. Manche schwören, sie hätten Gioele mit einer Frauenstimme sprechen gehört – sanft, wie zu einer Schlafenden. Andere behaupten, er antworte bloß auf etwas, das längst verstummt ist.

Er trinkt nur Wasser, nie Wein, und isst nie in Gesellschaft. Seine Diener wissen, dass er nach Einbruch der Dunkelheit durch das Haus geht, prüfend, jede Tür, jedes Schloss. Wenn er sie verschließt, legt er kurz die Stirn an das kalte Metall – als höre er, ob noch jemand dahinter ist.

Ser Gioele ist kein Mann. Er ist ein Mechanismus aus Stille, Pflicht und Kontrolle – ein Schloss, das sich selbst bewacht. Und wer ihm zu nahe kommt, merkt bald: Er schließt nicht nur Türen. Er schließt Schicksale.


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