[1123] Nächtliche Unterweisung [Lucian, Mordecai, SL]

Wenn die Sonne hinter das Appenningebirge sinkt, kriechen die Verdammten aus ihren Löchern. Dies sind ihre Geschichten.

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Lucian di Vescovi
Tzimisce
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[1123] Nächtliche Unterweisung [Lucian, Mordecai, SL]

Beitrag von Lucian di Vescovi »

Die Nächte in Genua waren in diesen Monaten für Rafaele zu etwas Vertrautem geworden.

Seit einem halben Jahr nun suchte er regelmäßig nach Einbruch der Dunkelheit das Handelshaus Murano auf, um unter der Anleitung des wohlhabenden und gebildeten Lucian di Vescovi die Kunst der Buchführung zu erlernen. Anfangs war es ihm seltsam erschienen, so spät noch das Haus zu verlassen, während sein Vater bereits am Herd saß und seine Mutter die Läden schloss. Doch der Nutzen der Lehre war unbestreitbar. Zahlen ergaben plötzlich Muster. Gewinne und Verluste bekamen Gewicht. Und wenn Lucian sprach, dann mit einer ruhigen Sicherheit, die Rafaele gleichermaßen einschüchterte wie anzog.

An diesem Abend war es kühler als in den Wochen zuvor. Ein dünner Nebelschleier kroch durch die schmalen Straßen nahe dem Kontor, verschluckte Geräusche und ließ Schritte dumpf erscheinen.

Rafaele zog den Mantel enger um die Schultern. Er war pünktlich aufgebrochen – wie immer etwas zu früh, aus Sorge, unzuverlässig zu wirken. In der Ledertasche unter seinem Arm steckten sauber gefaltete Aufzeichnungen der letzten Woche, sorgsam vorbereitet, um seinem Mentor Fortschritte zu zeigen.

Er bog in die schmale Gasse ein, die einen kürzeren Weg zum Handelshaus bot. Er nahm sie inzwischen fast selbstverständlich. Die Laternen hier brannten spärlicher, nur ein schwaches Licht fiel von den höher gelegenen Fenstern der angrenzenden Häuser herab.

Am Anfang der Gasse lehnte ein breitschultriger Mann im Schatten einer Hauswand, scheinbar mit verschränkten Armen wartend. Weiter hinten, nahe dem anderen Ende, stand eine zweite Gestalt, halb im Dunkel, halb im fahlen Licht einer fernen Laterne. Beide wirkten wie Männer, die hierher gehörten – rau, wortkarg, gezeichnet vom Leben.

Rafaele bemerkte sie nicht bewusst. Vielleicht registrierte sein Unterbewusstsein die Veränderung der Atmosphäre, das Gefühl, beobachtet zu werden – doch er schob es beiseite. Er war kein Mann, der in jeder Ecke Gefahr vermutete.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite, leicht versetzt zur Gasse, kauerte ein Bettler an einer Hauswand. In eine zerschlissene Decke gehüllt, den Kopf gesenkt, wirkte er wie einer von vielen, die in den Nächten Genuas Schutz in dunklen Winkeln suchten. Ein hölzerner Becher stand vor ihm, leer.

Unter dem schmutzigen Tuch jedoch blickten wache Augen durch schmale Schlitze.

Lucian hatte seine Rolle sorgfältig gewählt. Der Geruch von altem Stoff, ein paar aufgetragene Flecken, ein künstlich zittriges Atmen – genug, um nicht weiter beachtet zu werden. Von hier aus konnte er die gesamte Gasse überblicken.

Rafaeles Schritte hallten leise zwischen den Mauern.

Ein kurzer Moment.

Dann durchschnitt ein kaum wahrnehmbarer, leiser Pfiff die Nacht – nicht schrill, nicht auffällig. Eher wie das zufällige Geräusch des Windes zwischen zwei Ziegeln.

Doch die beiden Männer in der Gasse verstanden.

Der eine löste sich vom Anfang der Passage, der andere trat aus dem Schatten am Ende hervor.

Und Rafaele ging ahnungslos weiter.
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Il Prato
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Re: [1123] Nächtliche Unterweisung [Lucian, Mordecai, SL]

Beitrag von Il Prato »

Die Darstellung* des Bettlers die Lucian aufführte schien Rafaeles Aufmerksamkeit zu erregen. Er blickte über die Straße, kurz stockte der gleichmäßige Tritt. Nun wirkte er noch nervöser und beschleunigte den Gang instinktiv, senkte den Blick weiter in Richtung Pflaster.
Den Pfiff nahm er nicht wahr so gedankenverunken wie Rafaele in diesem Moment war als er versuchte die dunkle Gasse hinter sich zu lassen um schnell am Kontor anzukommen.

Erst wenige Meter bevor er mit dem Mann vom Ende der Gasse zusammen stieß, während dieser auf ihn zu gekommen war, bemerkte er ihn und hob den Blick.
Schreck geweitete Augen blickten wie ein scheues Reh aus dem unschuldigen Gesichts des jungen Mannes in ein wettergegerbtes raues Gesicht mit Stoppeln und finsterer Miene.
Ein kratziger Schritt hinter Rafaele verriet diesem nun auch das hinter ihm ebenfalls jemand erschienen war und ruckartig schreckte der Kopf herum.
Die beiden kräftigen Männer hatten Rafaele eingekesselt und als dieser es begriffen hatte, ertönte eine sich überschlagende kreischende Stimme.
"HIIILFFEEEE!! ÜBERFA...!" das letzte Wort endete in ein dumpfes Geräusch und kehliges Keuchen als eine Faust Rafaeles Brustkorb traf und die Wucht des Schlages alle Luft heraus presste.
Kräftige Hände griffen nach Rafaele als dieser etwas zusammen sackte.


*
Spoiler!
Lebenden Bettler darstellen ohne Erfolg.
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Il Prato
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Re: [1123] Nächtliche Unterweisung [Lucian, Mordecai, SL]

Beitrag von Il Prato »

Noch bevor Rafaele auf die Knie sank wurde er von kräftigen Armen hoch gezogen und eine Hand von Ausmaßen eines Teller legte sich über Mund und halb über die Nase während ihn von hinten ein zwingenartiger Arm umschlang und festhielt.
Die nun eintretende Luftnot verstärkte die Panik so stark das die Augen drohten aus den Höhlen zu springen.
"Schnauze!" raunte eine dunkle raspelnde Stimme, während sie ein paar Fäuste gezielt auf Rafaeles Oberkörper platzierte, rechte Seite, Linke und Magen, begleitet von dumpfen prusten unter der Hand und rotze die zwischen Handkante und Nase quoll.
"Das sollte reichen." grummelte die Stimme etwas enttäuscht und nickte dem Kumpel hinter Rafaele zu.
Dies entließ Rafaele aus der Unbeweglichkeit nur um einen Knüppel geschickt hervorzuholen, welche sogleich auf einem Hinterkopf landete.
Es klang wie auf ein volles Fass klopfen ehe Rafaele endgültig zu Boden ging.

Die Männer sahen ein letztes Mal auf ihr Opfer. Dann blickte sich einer von ihnen um.
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Lucian di Vescovi
Tzimisce
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Re: [1123] Nächtliche Unterweisung [Lucian, Mordecai, SL]

Beitrag von Lucian di Vescovi »

Der Mann am Ende der Gasse spuckte zur Seite und ließ den Blick noch einmal prüfend über den reglosen Körper gleiten.

„Der atmet noch“, murmelte er, mehr aus Gewohnheit als aus Sorge.

Der andere kniete sich kurz neben Rafaele, packte ihn am Kinn und drehte den Kopf leicht hin und her. Ein dumpfes Brummen folgte. „Wird wieder. Wenn er Glück hat.“

Ein heiseres, trockenes Lachen antwortete darauf – ohne jede Wärme.

Dann, fast lautlos, bewegte sich etwas auf der anderen Straßenseite.

Der Bettler.

Langsam, mit scheinbar steifen Gliedern, erhob sich die in Lumpen gehüllte Gestalt. Das Zittern verschwand mit dem ersten Schritt. Mit dem zweiten ebenso jede Spur von Gebrechlichkeit. Als er die Straße überquerte, war von der zuvor gespielten Schwäche nichts mehr übrig.

Im fahlen Licht einer hochgelegenen Laterne trat Lucian aus den Schatten.

Sein Blick glitt über die Szene – ruhig, prüfend, fast gelangweilt. Die beiden Schläger richteten sich sofort ein wenig auf, als hätten sie instinktiv gespürt, dass nun jemand anderes die Kontrolle übernommen hatte.

„Gut gemacht“, sagte Lucian leise.

Er griff unter die zerschlissene Decke, zog einen kleinen, schweren Lederbeutel hervor und ließ ihn einem der Männer in die Hand fallen. Das metallische Klirren im Inneren war unverkennbar.

„Wie vereinbart.“

Der Angesprochene wog den Beutel kurz, nickte zufrieden und trat einen Schritt zurück.

Lucian kniete sich neben den bewusstlosen jungen Mann. Für einen Moment verharrte seine Hand über Rafaeles Gesicht – nicht berührend, nur fühlend. Als würde er mehr wahrnehmen als bloßen Atem.

„Gut“, murmelte er kaum hörbar.

Er erhob sich wieder und sah die beiden Männer an. In seinen Augen lag nun etwas Kühles, Unnachgiebiges – etwas, das keinen Widerspruch duldete.

„Helft mir.“

Ein kurzer Moment des Zögerns – dann packten sie zu. Der eine griff Rafaele unter die Schultern, der andere unter die Beine.

Gemeinsam trugen sie den reglosen Körper durch die letzten Meter der Gasse.

Das Handelshaus lag tatsächlich nur wenige Schritte entfernt. Lucian löste eine Hand vom Körper, zog einen Schlüssel hervor und öffnete lautlos.

Die Tür gab nach.

Drinnen empfing sie Dunkelheit – und Stille.

„Hier ablegen“, wies Lucian knapp an und deutete auf einen massiven Tisch im Inneren.

Die Männer ließen Rafaele etwas grob, aber nicht achtlos auf den Tisch sinken.

Für einen Moment herrschte Schweigen.

Dann richtete sich Lucian auf.

„Ihr habt ihn nie gesehen und nun geht.“

Ohne ein weiteres Wort verschwanden die beiden Männer in die Nacht, ihre Schritte verklangen schnell in den engen Straßen Genuas.

Die Tür schloss sich.

Ein leises Klicken.

Stille.




Fast zeitgleich zu dem Überfall in der Gasse, hatte sich eine weitere Gestalt vom Handelshaus Murano gelöst und war eiligen Schrittes durch die Gassen gelaufen - ja fast gerannt.
Alvise de Murano, der beleibte Geschäftspartner von Lucian befand sich auf dem Weg nach Broglio.
Nahe der a Tarda Ora machte er sich auf die Suche nach dem Haus nahe der Gasse, welches ihm durch Lucian beschrieben worden war.
Vor der Tür, die Mordecai als Adresse genannt hatte stand er nun, leicht verschwitzt - das wenige Haar, was ihm auf dem Kopf geblieben war, klebte an seiner Kopfhaut und er war deutlich außer Atem, als er die Hand hob um 3 mal anzuklopfen.
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