Vien Di Notte [Epifania]

Geschichten über Monster

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Epifania
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Vien Di Notte [Epifania]

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Langsam senkte sich das Messer, schnitt tief ein. Eine feine Bewegung, ohne Zögern und Fehl. Solche Kunstfertigkeit hätte man dieser Hand gar nicht zugetraut, ungeschlacht wie sie war, mit beinahe astdicken Fingern. Die Hand vollendete ihre Bewegung, ein kleines Stück Holz fiel zu Boden. Wieder drang das Messer ein, löste Span um Span die Figur eines Lebewesens aus dem Eichenstück heraus - zuerst die Nüstern, dann den Rest des langen Kopfes, den breiten Rücken, die Hufe, zuletzt Mähne und Schweif. Kleinste, feinste Schnitte verliehen dem scheinbaren Haar Struktur, ließen es geradezu fließen.

Voller Liebe betrachtete die hässliche Alte ihren Sohn, der völlig in sein Werk versunken war. Der Schein der Kerzen warf seinen Schatten an die Wand, einen schwarzen Riesen. Wie klein doch das hölzerne Tier im Gegensatz wirkte! Der Hocker schien sich unter seinem Gewicht zu biegen, ja, selbst die Werkbank hinter ihm wirkte wie ein Kinderspielzeug. Doch all die Aufmerksamkeit des Muskelbergs war nun darauf gerichtet, ein stecknadelgroßes Auge zu formen. Hätte sie noch geatmet, sie hätte den Atem angehalten. Erst als er das Schnitzwerkzeug senkte und das Holzpferd zum Licht hielt, wagte sie es zu sprechen: "Es ist so schön geworden, mh, wunderschön."

"Es ist noch nicht fertig, Mama", dröhnte tiefer Bass als Antwort auf ihre raues Flüstern. "Schau mal. Hier... und hier... und schleifen muss ich es noch... und ölen." Seine monströse Mutter hüpfte von ihrem Stuhl und trippelte näher heran. Streckte ihren dürren Hals vor. Nickte dann, auch wenn sie selbst kein Fehl erkennen konnte. "Ist es für dich, mh?" fragte sie leise. "Mama! Natürlich nicht", kam die Antwort. "Ich bin zu groß für Holzpferde. Es ist für Paolo. Er hätte so gerne eins. Hat er gesagt." Epifania nickte. Das ergab Sinn. Kinder liebten ihren Cocco, ließen sich gerne auf seinen Schultern tragen. Paolo. Er musste fünf sein, nein, sechs. Die Jahre vergingen so schnell.

Der Riese war still geworden. Er schaute auf das Holzpferd, sein Mund stand leicht offen und die breite Stirn war in Falten gelegt. "Mama?" "Ja, mein Schatz?" "Wenn ich ihm das Pferd schenke. Werden die anderen Kinder nicht traurig sein? Weil sie nichts haben?" Sie schwieg. Wie sollte sie ihm erklären, dass die Welt nun einmal so war, dass nicht jeder gleich viel haben konnte? Sie rieb sich die Warze an ihrer Nase. "Nun", sagte sie leise. "Vielleicht musst du ihnen einfach auch etwas schnitzen." "Aber Mama! Ich weiß doch gar nicht was sie mögen."

Die Nosferatu schaute ihn verblüfft an. Dann begann sie breit zu lächeln.
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Epifania
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Re: Vien Di Notte [Epifania]

Beitrag von Epifania »

Cocco nahm die kleine Gestalt entgegen, welche die hässliche Alte ihm entgegenhielt. Langsam streichelte er über das feine Haar auf dem winzigen Kopf, zärtlich, bewundernd. "Es ist so weich..." sagte er und das Lächeln auf seinem Gesicht wurde breit. "Wundervoll weich." Seine Mutter nickte. "Es war nicht einfach, mh, ich habe jede Strähne einzeln eingeflochten. Sie sollten eine Weile halten, selbst wenn Rosa daran reißt, ja." Der große Mann stellte die Holzpuppe vorsichtig auf den Tisch, wo sie sich zu Pferden, Schwertern, Kreiseln und anderen wundersamen Dingen gesellte.

"Und hier, schau", sagte die Nosferatu und hielt Cocco eine schwarze Masse hin. "Es sieht leider nicht sonderlich gut aus, mh, der Sirup vermutlich..." "Es sieht aus wie Kohle, Mama!", unterbrach sie der Große. "Probier doch erstmal..." erwiderte die Alte. "Es ist süß." Doch er schüttelte den Kopf vehement. "Nein. Nein, das schmeckt nicht." Die Alte seufzte. "Ich lass sie hier für dich stehen. Wenn du doch mal probieren willst, nimm dir einfach." Cocco hatte sich bereits wieder an seine Werkbank gesetzt und das nächste Stück Holz gegriffen.

Das Weiblein studierte die aufgereihten Spielzeuge mit ihren dunklen Augen. "Das war eine ganz wundervolle Idee, wundervoll. Du schenkst mir damit genau so viel Freude wie den lieben Kinderlein, chn-chn-chn." Ihr Glucksen war ein Krächzen, aber das Glück darin war hörbar. Ihr Sohn senkte das Messer. Dachte nach, angestrengt. "Dann..." Der Gedanke formte sich. "Dann..." Sie spürte, dass er beinahe bereit war ihn zu formulieren und half: "Dann?" "Dann, dann sollten wir die Geschenke an deinem Geburtstag verteilen, Mama! Stell dir mal vor: Dann ist die Freude dein Geschenk!"

Epifania stutzte. Dachte nach, nickte dann lächelnd. "Warum eigentlich nicht? Das Fest unseres Herren soll ja eine Zeit der Freude sein und im Winter ist Spielzeug für die Stube sicherlich ein Segen." Cocco gähnte herzhaft. "Und du, du musst ins Bett, mh, rasch, rasch." Sie wackelte zu der Lagerstätte um diese vorzubereiten.

Als sie zurückkam, war der Teller leer, auf dem die Leckereien gelegen hatten. Epifania lächelte.
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Epifania
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Re: Vien Di Notte [Epifania]

Beitrag von Epifania »

Leise schob die Klaue die Tür auf, die langen Fingernägel kratzten über das Holz. Im Schatten der Kapuze glänzten kleine, schwarze Äuglein, blickten in die Schwärze des Hauses. Das Maul verzog sich zu einem zahnbewehrten Grinsen, als das Monster den ersten Schritt über die Schwelle machte. Meter für Meter stakste es durch den Raum, vermied den Tisch, die knarzende Bohle, die Feuerstelle, in der schwach noch die Kohlen glühten. Von linkerhand war das kräftige Schnarchen des Vaters zu hören, übertönte das leise Atmen seiner Frau. Ein Vorhang trennte die beiden vom Rest des Raumes, gab ihnen ein wenig Schutz vor den Blicken der Kinderlein, deren Betten die Wand säumten.

Die Hexengestalt kümmerte sich nicht um die Erwachsenen. Sie schlich auf die Kinder zu, Vorfreude auf dem warzigen Gesicht. Lautlos trat sie an das Bett heran, in dem der Jüngste schlief. Corinno, nicht einmal zwei Jahre alt. Seine Hebamme hatte geahnt, dass aus ihm ein Wonneproppen werden würde, mit rosigen Wangen und einem Bäuchlein. Und über diesen kleinen Cherub beugte sich nun ein Anblick, der ihm Schreie in höchsten Tönen entlockt hätte, hätte er die Augen geöffnet. Schreie die seine Geschwister, die Eltern, ja, das ganze Dorf geweckt hätten. Allein, er schlummerte selig und nichts ahnend. Langsam streckte sich die Klaue vor, die Spitze auf seine Augen gerichtet.

Im Vertrauen auf den festen Schlaf der kleinen Kinder drehte sich der graue Finger und strich leicht über die Wange. Dann griff die Hexe in ihre Umhängetasche, zog vorsichtig einen rundlichen Gegenstand heraus und legte ihn sanft neben dem Schlafenden auf die Lagerstatt. Sie trat zurück, dann eilte sie vorsichtig weiter, von Bett zu Bett. Ein Pferd, ein Ritter, eine Puppe...

Schließlich war sie wieder an der Tür angelangt. Sie drehte sich noch einmal um, schaute in die ärmliche Hütte zurück. Ein Rascheln. Die Tochter von acht Jahren öffnete verschlafen die Augen, sah einen dunklen Umriss vor der geöffneten Tür stehen. Eine kleine, gebeugte Gestalt, die nun einen Finger dorthin legte, wo in den Schatten der Kapuze ihr Mund sein musste. Die Tür schloss sich. Das Mädchen blieb still, leicht benommen vom Schlaf. Bis sie die Puppe entdeckte.

Während Epifania sich die Kiepe wieder auf den Rücken schnallte, hörte sie ein freudiges Jauchzen - und dann verschlafene Worte, mehr Aufregung, Rufe nach den Eltern, das Klappern einer Rassel. Eine Sekunde lang schloss sie die Augen und lächelte breit. Erinnerte sich daran, wie sie den kleinen Corinno das erste Mal in den Armen gehalten hatte, ihn gereinigt hatte, ihn seiner Mutter an die Brust gelegt. Er schien die Rassel zu mögen. Die Alte nickte leicht und verschwand in der Dunkelheit, eine alte Weise vor sich hin summend.
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